HMG27 – Die Strafe

Vor vielen Jahren lebte hier im Harzwalde ein großer und starker Mann, der in einer Höhle seine Wohnung hatte. Rauben und Stehlen war sein Handwerk, Mord und Brand seine Lust. Lange Zeit hat er es so getrieben, ohne daß er irgendwie daran gehindert wäre. Es hat aber alles seine Zeit, und so sollte die Ruchlosigkeit dieses Menschen auch aufhören.

Einst, da er auch auf Raub ausgegangen war und nichts ergattert hatte, wollte er wieder in seine Höhle zurückgehen. Da steht mit einem Male ein kleines freundliches Männlein vor ihm, hat einen Rock an, der mit Gold und Silber wie übersäet ist. Der Räuber geht dem Kleinen mit seinem Spieße zu Leibe; Trotz alles Bittens und Flehens stößt er ihn nieder. Indem er aber zur Erde stürzt, so steht ein grimmiger Hirsch vor dem Bösewicht, und eh dieser sich besinnen kann, that er ihn schon auf seinen langen Hörnern, eilt mit ihm auf einen hohen Berg und wirft ihn von da von einem vorspringenden Felsen hinab, daß er beide Beine bricht und nun nicht mehr von der Stelle kann. In solch trostloser Lage muß er einen schrecklichen und schmachvollen Hungertod sterben, und die Raben haben dann sein Fleisch verzehrt.

(von August Ey)

HMG14 – Die Geizige

Eine Frau aus Zellerfeld besucht einmal ihre Schwester in Lautenthal. Als sie hinkommt, hört sie, daß Tags zuvor aus dem Haus eine Frau begraben ist, die aber allgemein der Geizhals geheißen hat.

Die Lautenthäler hat keine Kammer weiter gehabt, ihre Schwester muß also in der Stube auf dem Canapé schlafen. Es wird nun Bettzeug herunter geholt, und ein Bett da zurecht gemacht.
Ja, spricht die Zellerfelder, die Geizige ist doch hier auf dem Canapé nicht gestorben? Nein, sagte die andere. Wo ließ ich dich denn sonst da schlafen? In gutem Glauben legt sich also jene auf das Bett, das zurecht gemacht ist. Die anderen gehn trepp auf; die Zellerfelder kann aber nicht einschlafen. Es schlägt zehn, es schlägt elf, und sie schmeißt sich von einer Seite auf die andere.

Wie es gerade ein Viertel auf zwölf schlägt, denkt sie, na, das ist die Geisterstunde, wenn nur die Geizige wegbleibt. Aber kaum hat sie es gedacht, da geht die Thür auf und herein kommt eine weiße Gestalt. Der Mond ist halb gewesen und hat in die Stube geschienen, daß man recht gut so etwas sah. Auch sind die Laden nicht zu gewesen. Die Gestalt kommt auf die Frau zu, die da liegt, schiebt den Tisch weg und faßt den Mantel (es ist der ihrige gewesen), mit dem die Zellerfelder zugedeckt ist und reißt ihn der weg; denn sie hat auch im Tode noch nicht leiden können, daß ihre Sachen gebraucht werden, wirft ihn in die Stube, kramt auch noch vor der Schublade herum und das alles mit schrecklichem Lärm und Spektakel, so daß der Zellerfelder der Angstschweiß ausbricht.

Endlich schlägt’s zwölf und mit dem letzten Schlag ist Alles weg und still. Bis dahin hat die Zellerfelder nicht sprechen und rufen können; sie hat’s versucht, es ist aber nicht gegangen. Nun kann sie aber rufen und schreit ihre Schwester wach, die kommt herunter und findet, wie sie herein kommt, den Mantel mitten in der Stube und auch das Zeug der Todten, das in der Schublade gelegen hat, auf der Erde herum liegen; sonst aber nichts weiter verändert. Von da an hat sich die Geizige nicht wieder sehen und hören lassen.

(von August Ey)

HMG13 – Der dem Teufel vermachte Junge

Da unten im Prachtgäßchen in Clausthal wohnte vor langen Jahren eine Frau, die hatte ihren Jungen dem Teufel vermacht, damit er ihr dafür recht viel bringen sollte. Wie die Zeit nun bald herum war, daß der Teufel nach ihrer Meinung den Jungen holen mußte, da macht sie sich fort ins Land, und läßt ihr Kind zu Haus.

Des Abends in der Dämmerung sitzt der Junge hinterm Tisch auf der Bank, und seine Wirthin und ihre Schwester sitzen und spinnen Hede. Alles ist still, die Räder schnurren bloß und draußen saust der Wind; es ist ein recht graulicher Abend. Da hören sie mit einem mal ein Gepolter, und ein Spektakel im Schornstein herunter und hinein in den Ofen, daß den Frauen Hören und Sehen vergeht.

Zur Thür können sie nicht hinaus, die ist zu. Hinaus wollen und müssen sie. Sie springen also zum Fenster hinaus, und sagen: Junge, komm’ mit. Ach, schreit der, ich kann nicht, ich kann ja nicht vom Platz, es ist, als wär’ ich fest gebannt. Sie lassen ihn also sitzen und machen so schnell sie können, um auf die Nachbarschaft zu laufen und Hülfe zu holen.

Als sie wieder kamen mit Hülfe, da ist der Junge vom Platz weg, die Wände sind mit Blut verspritzt und es ist eine wahre Wüstenei in der Stube. Alles über einander geworfen, Tische und Bänke umgestürzt und mitten in der Stube liegt der Junge mit zermalmten Armen und Beinen und ist todt.

(von August Ey)

HMG09 – Der Todtentanz

In Clausthal trägt ein Schusterjunge eine Suppe weg, der Meisterin Schwester hat in Wochen gelegen und der soll er die Wochensuppe hinbringen.

Er geht über den Gottesacker, es ist ein hübscher Abend gewesen; aber der Mond hat nicht geschienen. Als er bei die Gottesackerkirche kommt, so sieht er vom Wege links ab vor der hintern Kirchthür, die auf diesseits gewesen ist, Vier mit einander tanzen; sie haben Sterbekittel an und er weiß, daß sie alle Vier schon vor zwei oder drei Jahren gestorben sind. Zwei Männer und zwei Frauen. I, denkt er, was ist denn das? träumst du denn, oder bildest du dir das ein? Du sollst einmal ordentlich zusehen. Er geht also vom Weg ab und hin und will sich überzeugen. Als er noch ein paar Schritt davon entfernt ist, da lassen die Träger los und eins der Mannsbilder springt auf ihn zu, und giebt ihm eine solche Ohrfeige, daß dem Jungen der Kopf halb auf der Seite sitzt. Natürlich läßt er vor Schreck den Teller mitsammt dem Suppennapf fallen und geht zu Haus und weint. Als er nach Haus kommt, erzählt und sagt, er habe den Napf mit der Suppe fallen lassen, da will ihn seine Meisterin noch dazu schlagen. Sie hats aber nicht nöthig; denn der Junge fällt um und ist todt.

Das kommt vom Vorwitz.

(von August Ey)