HMG32 – Nur eine Katze

Ein Maurer kam eines Abends von seiner Arbeit zurück, und da es warm und der Weg lang und staubig war, so dürstete ihn sehr. Endlich sah er eine kleine Hütte, die, wie er wusste, einer alten, unfreundlichen Frau gehörte. Trotzdem trat er ein und bat sie um ein Glas Wasser. Was! schrie das Weib, ein Glas Wasser? Mach, dass Du fortkommst, Du Vagabund, in einer halben Stunde kommst Du an einen See, da trink, und sie schlug ihm die Türe vor der Nase zu. Die Frau ist schlimmer als ich dachte, sagte der Mann zu sich, das ist doch geradezu grausam, einem durstigen Menschen ein Glas Wasser zu verweigern.

Als er nach Hause kam, fand er, dass seine Frau ein gutes Essen für ihn gekocht hatte. Alles war sauber und behaglich und er setzte sich zufrieden an den Tisch. Da trat sein Nachbar ein, den er sehr gern hatte. Der Mann lud ihn zum Mitessen ein und erzählte ihm dann sein Erlebnis. Während seiner Erzählung kommt eine Katze herein und miaut anhaltend. Jag’ doch das dumme Tier fort, sagte der Maurer zu seinem Sohn, es macht ja einen abscheulichen Lärm.Ich glaube es ist durstig, Vater, erwiderte der Knabe. – Ach was, durstig. Dann kann es wo anders hingehen und trinken, marsch fort! und damit gab er dem armen Tiere einen Stoß.

Der Nachbar sah ihn lächelnd an. Mir scheint, Du ahmst der alten Frau, von der Du erzähltest, vortrefflich nach, sagte er. Wieso meinst Du das? Nun, Du sagtest ganz dasselbe zur Katze, wie sie zu Dir gesagt hat. Aber ich bitte Dich, lieber Freund, man kann doch einen Menschen nicht mit einer Katze vergleichen. Ach, sagte der Nachbar in ernstem Ton, sprich nicht so. Da ist ein durstiges Tier, es bittet Dich, ihm etwas zu trinken zu geben, ganz wie Du es bei der Frau getan; und Du jagst es fort. Die Tiere leiden doch eben so unter dem Durst, wie die Menschen. Wo ist da ein Unterschied? Aber weshalb kann die Katze nicht um etwas bitten, ohne solch abscheuliches Geschrei dabei zu machen? erwiderte der Mann, doch blickte er dabei zur Seite, denn er schämte sich. Nun, wenn Du Dich mehr um sie kümmerst, könntest Du ihr das leicht abgewöhnen. Mein Kater, wenn er etwas von mir haben will, legt seine Pfote auf mein Bein und sieht mich an. Man muss nur freundlich und geduldig mit den Tieren sein, dann tun sie alles, was wir wünschen. Ein hilfloses Geschöpf zu haben und es nicht zu pflegen, ist ein großes Unrecht. Und sieh, welch ein schlechtes Beispiel für Deine Kinder; auch sie lernen grausam und achtlos gegen Tiere zu sein, und wenn sie älter werden, so sind sie es auch gegen Menschen, vielleicht gegen Dich selber.

Unbekannter Autor, Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 1913, Seite 40

HMG19 – Die Ratskatze von Sankt Andreasberg

Vor 500 Jahren erschien über dem Neufang ein Komet, welcher nach dem Aberglauben der Leute etwas zu bedeuten haben musste. Als der Komet zum ersten mal hoch am Himmel gesichtet wurde, kam von Lauterberg eine ausgehungerte Katze herauf und setzte sich auf die Stufen vor dem Rathaus. Zu dieser Zeit herrschte eine große Mäuseplage in Sankt Andreasberg, welcher die wenigen Katzen in der Bergstadt nicht Herr werden konnten. Daher ließ man die Katze hinein, welche sich sogleich über die Mäuse her machte, bis das Rathaus frei von dem Ungeziefer war.

Einige Tage später brachte die Katze Junge zur Welt – eines für jedes Fenster – und bald darauf sah man in jedem der Rathausfenster eine Katze sitzen. Die Leute erzählen sich, die Katze sei sehr alt geworden – 20 Jahre, 20 Wochen und 20 Tage alt – und von dieser Ratskatze und Ihren Jungen stammen alle heutigen Katzen in Sankt Andreasberg ab.

Zum Gedenken an den Kometen und die darauf folgenden Ereignisse wird in Sankt Andreasberg seit dem das Fleisch vor der Suppe verzehrt.

Quellen

  • Die St. Andreasberger Katze aus Sagen und Geschichten um die Bergstadt St. Andreasberg, Gesammelt von Walter Bleßmann
  • Der Komet und St. Andreasberg

Die Goldene Flöte

Die Goldene FlöteEs war einmal ein junger Holzhauer, der hieß Zacharias, dieser ging eines Tages in den Wald an sein Geschäft. Als er nun einen dicken Baum anhieb, hörte er eine klagende Stimme, die recht bittend klang. Er hörte auf zu hauen und fragte: Wo bist du denn?
Die Stimme antwortete Hier im Baum bin ich. Haue nur da oben, wo der weiße Strich am Baum ist ein Loch hinein. Er tat es und nach einigen Hieben hatte er eine Öffnung in dem Baume, jetzt sah er, dass es ein hohler Baum war und bald darauf guckte ein wunderhübsches Mädchengesicht aus dem Loche und lachte ihn recht freundlich an. Er fragte: Wie bist du denn da hinein gekommen? Da erzählte ihm das Mädchen, es sei von einem Riesen hierher gebracht und müsse so lange da bleiben, bis der Baum umgehauen würde. Der Holzhauer macht nun die Öffnung so groß, dass das Mädchen herauskommen konnte. Als es persönlich vor ihm stand, hatte es ein kleines Fläschchen in der Hand und sagte, ob er nicht zu dem Riesen gehen und ihm die Flöte holen wolle, die er ihm gestohlen hätte und ohne welche es nicht hier von der Stelle und sein Schloß beziehen könne; es war ein reiches Edelfräulein. Der Riese aber wohne in einer großen Höhle hinter jenem großen Berge und habe die Flöte beständige bei sich, auch wenn er schlafe.

Augenblicklich war der Holzfäller dazu bereit und machte sich mit seiner Axt und auf den Weg zu dem Riesen. Es dauerte nicht lange, so kam er zu einem großen Berge, in dem der Riese wohnte. Auch fand er bald die Höhle, vor welcher der Riese in ein Bärenfell gekleidet saß. Mit Angst im Herzen ging der Holzhauer dem Riesen näher und grüßte ihn freundlich, doch dieser fuhr ärgerlich auf ihn zu und fragte ihn, was er Zwerg hier wolle.

Der aber sagte, er habe sich hier im Walde verloren, sei ein Holzhauer und bitte ihn, ob er wohl nicht diese Nacht bei ihm bleiben dürfe. Darauf wurde der Riese wieder ruhiger und sagte, er könne da bleiben, müsse aber das Holz klein machen, was vor der Höhle läge. Das tat dann auch der junge Mensch, darauf wies ihm der Riese einen Winkel in der Höhle zu, wo er schlafen solle. Der Holzhauer legte sich nun hin und tat, als wäre er fest eingeschlafen. Er schlief aber nicht.

Wie nun der Riese eingeschlafen war, stand der Holzhauer leise auf, nahm seine Axt, schlich sich leise nach dem Ungeheuer hin und gab ihm einen solchen Schlag auf den Kopf, dass er das Aufstehen vergaß, dann hackte er ihm den Kopf ab und nahm ihm die Flöte weg, die er auf der Brust unter dem Bärenfell stecken hatte. Hiernach machte er sich mit seiner Beute wieder auf den Weg nach dem Baum, wobei das Mädchen noch immer stand und das Fläschchen in der Hand hielt. Als es ihn sah, freute es sich und er musste ihm erzählen, wie er die gekriegt hätte.

Da er nun auch sagte, er habe den Riesen erst tot geschlagen und so die Flöte von seiner Brust genommen, so war die Freude des Mädchens ganz unbeschreiblich. Es setzte das Mädchen auf die Erde, nahm die Flöte und spielte ein wundersames Lied darauf. Mit dem Ende des letzten Tones tat das Mädchen einen Knall, dass der Holzbauer bewusstlos zur Erde stürzte.

Beim Erwachen lag Zacharias in einem schönen Garten und das hübsche Mädchen stand vor ihm und trocknete ihm den Schweiß ab, ließ ihn an dem Fläschchen riechen und dadurch wurde er wieder gesund., wie er vorher gewesen war. Dann fasste sie ihn an der Hand und sprach mit einer seelenvoll freundlichen Miene, du hast alles erlöst, du wirst von jetzt an mein Gemahl und der Herr dieser Güter sein.

Hierauf führte sie ihn in das schöne Schloss, das in dem Garten stand und so wohnte er mit der schönen Jungfrau darin. Nachher schafften sie sich Bediente, Wagen und Pferde an und hielten Hochzeit mit einander. So war aus dem armen Holzhauer Zacharias ein großer und reicher Mann geworden und ist es auch geblieben für sein Lebelang.

(von August Ey)

Die Maus

Die MausAls der Dreizehnlachterstollen belegt wird, setzt man im Bergamte den Bergmeister H. Zum Führer der großen Arbeit; das ist im vorigen Jahrhundert gewesen. Dieser Mann hat keine Frau, nur eine Haushälterin gehabt, die für sein Hauswesen mit Leib und Seele sorgte. Hat der Herr sein Mittagessen verzehrt, so pflegt er in der Regel ein kleines Schläfchen zu machen. Einst spricht er zu seiner Haushälterin: Cathrine, wenn ich eine halbe Stunde geschlafen habe, so weck mich; aber ja keine Minute früher oder später, denn meine Ehr und mein Leben hängt davon ab.

Die Haushälterin setzt sich also vor ihren schlafenden Herrn hin, und passt auf ihn und die Sanduhr. Als er eine Viertelstunde geschlafen hat, kommt ihm mit einem male eine Maus aus dem Munde gekrochen, läuft an ihm herunter und verschwindet auf der Erde. Eine Minute vor der bestimmten Zeit des Aufwachens kommt sie wieder zurück, kriecht dem Bergmeister in den Mund und ist verschwunden. Mit einem tiefen Schnarchen erwacht der Schläfer, dann kriegt er schnell sein Anfahrtszeug her, zieht das an und geht fort, um nachzufahren.

Das ist oft geschehen und jedesmal hat er von der Maus Nachricht bekommen, ob die Leute falsch arbeiten oder ausgerissen sind, oder ausreißen wollen und keinmal ist er vergebens angefahren, etliche hat er immer auf ihren Schleichwegen erfasst.

Ein gewisser Bergmann Schramm ist mit mehreren Kameraden vor Ort, arbeiten auf dem Durchschlag und wollen sich den Freitag Nachmittag zu gut machen. Als sie dem obersten Fahrloch nahe kommen, sehen sie den Bergmeister oben daran stehen und kehren wieder um, das dreimal und jedesmal ist er da. Nach Beendigung der Schicht fragen sie den Gaipelaufseher, wie lange denn der Bergmeister diesen Nachmittag da geblieben sei. Der Gaipelaufseher hat aber den Bergmeister nicht gesehen. Ebenso wie die Haushälterin des Bergmeisters gefragt, wie lange ihr Herr den Freitag Nachmittag ausgewesen sei. Die aber antwortete, er sei nicht aus der Stube gekommen und doch haben ihn die Gedingheuer alle am Fahrloche gesehen.

Bei der Abnahme des Gedings sagt der Bergmeister zu diesen Leuten: Wenn sie denn wieder ausrissen oder ausreißen wollten, so würden sie nicht wieder aufs Geding kommen.

(von August Ey)

Hanskühnburg

HanskühnburgZu der Zeit, als noch die Wölfe und Bären hier am Harz allein Herren gewesen sind und alles dicker Urwald war, bringt ein Mann, Hans Kühn hat er geheißen und in Herzberg gewohnt, seine beiden Pferde nach dem Bruchberg in die Weide. Da es damals noch viel Wildpret hier gegeben hat, so haben jene Fresser sich daran was zu gute getan und selten andere Tiere und noch weniger Menschen angefallen. Deshalb hat Hans Kühn sich und seine Pferde für sicher gehalten und ist dreist darauf in den Harz hinauf geritten.

Dort angekommen, wo jetzt noch der Felsen steht, der die Hans Kühnburg heißt, kommt aber eine Schar Wölfe aus dem Dickicht mit furchtbarem Geheule, mit schrecklicher Eile auf ihn zugestürzt, dass er in seiner Herzensangst vom Pferde hinunter springt und so schnell als möglich auf die Spitze des Felsens klettert. Er ist auch so glücklich, hinauf zu kommen. Von dort oben ab sieht er aber nun dem Kampf der Wölfe mit den Pferden zu.

Die Pferde stellen sich mit den Köpfen zusammen, schlagen kräftig hinten aus als möglich zu wehren. Die Menge der Feinde ist aber zu groß, und die Bestien sind zu flink. An Entlaufen ist nicht zu denken gewesen; die Ungeheuer kreisen die armen Tiere enger und enger ein, bis sie sie zuletzt zerfleischt und getötet haben. Darüber kommt der Abend heran und die Sonne geht herrlich unter, da oben aber sitzt von großer Angst und Bangigkeit gequält unser Hans Kühn und darf seine Burg nicht verlassen, die ihn schützt; denn die Wölfe umkreisen noch immer den Felsen und bewachen ihn dort ohne abzulassen.

Es wird vollkommen Nacht und die Bestien verlassen den Felsen nicht. Der Morgen kommt, der Abend bricht wieder herein, immer sind sie noch da. Der dritte Morgen beginnt an zu leuchten und die Wölfe gehen nicht weg, desto schlimmer wird aber der arme Mensch von Durst und Hunger, von Angst und Not gequält. Alles Rufen, alles Schreien, Fluchen und Beten hat nicht geholfen und er nimmt sich vor, lieber hier oben zu verhungern, als von den Tieren sich zerreißen zu lassen.

In der dritten Nacht endlich, da er es nicht mehr aushalten kann, da er fast ohnmächtig zur Erde sinkt, fängt er nochmals recht herzhaft um Hilfe an zu beten und sie da, eine große Ohreule kommt aus den Felsen zugeflogen, setzt sich bei ihm nieder und hat eine Rute im Schnabel, welche sie vor sich auf die Erde legt. Nachdem sie sich zurecht geschüttelt und ihre Federn in Ordnung gebracht hat, fängt sie an in einem tiefen Baßton an zu reden: Du unvorsichtiger Mensch, warum bist du so dummdreist gewesen und hast dich ohne Waffen hier in diese unsichere und gefährliche Gegend gewagt. Eigentlich müsstest du hier verhungern und die Raben dein Fleisch verzehren; doch dein und deiner Frau und Kinder Gebet ist zu herzlich und innig gewesen, darum bin ich da, dir zu helfen. Siehe, diese Rute, die ich dir mitgebracht habe, bringt dich durch die Gefahren hindurch, welche dir durch die reißenden Wölfe bereitet werden.

Er greift gleich danach und er fühlt neue Kraft in seine matten Glieder, er fühlt neuen Mut und eine Belebung des Leibes, wie er sie zuvor nie gekannt hat.

Nimm das Kleinod in Acht! ruft ihm die Eule im Wegfliegen zu und ist verschwunden. Er aber hat die verhängnisvolle Rute in der Hand und traut sich selbst kaum und dem, was er gehört und gesehen hat. Mit dem Zauberstab bewaffnet, steigt er von seinem Felsen herunter und geht dreist seinen Weg entlang und die Wölfe gehen ihm, ihrem feind, aus dem Wege.

(von August Ey)

Der Pochknabe und der Teufel

Der Pochknabe und der TeufelJeder Pochknabe kriegt von seinem Lohn sieben Pfennige, damit kann er machen, was er will. Das ist so Mode. Sonst haben aber auch die Pochjungen in der Löselstunde gewürfelt und um Pfennige oder sonst etwas gespielt, und am besten ist es am Freitag gegangen, wenn sie ihren Lohn bekommen haben und ihre sieben Pfennige.

Einst hat nun ein Pocher seine sieben Pfennige verspielt, er hat sie aber wiedergewinnen wollen und packt seinen Lohn an, den er mit nach Haus bringen muss. Wie er nichts mehr hat, muss er doch aufhören. Nun sieht er erst, was er gemacht hat und wie’s ihm geht, wenn er mit leerer Hand nach Haus kommt und bringt keinen Lohn mit; denn sein Vater und seine Mutter sind brav schlimm gewesen und haben gleich erbärmlich auf ihn losgeprügelt mit dem Heftstrick wenn er etwas pecciert hat. Wie der Pochjunge des Abends Schicht hat und nach Haus geht, ist er der allerletzte; er fürchtet sich vor der Strafe, deshalb geht er ganz langsam und weint immer fort vor sich hin.

Auf einmal kommt ihm ein fremder Herr entgegen, der hat einen schönen feurigen Rock an, einen etwas dicken Fuß und dann eine hohe Mütze auf, der fragt ihn, was ihm fehle. Der Junge sagt’s. Darauf spricht der Mann recht freundlich, ob er (der Junge) morgen früh, wenn das beten anging aus dem Pochwerk kommen wolle und ihm dann gehören, so solle er jetzt sein Geld wieder haben, und noch viel mehr, als er gehabt hätte.

Der Junge ist froh, dass er sein Geld wieder haben soll und hat gar nichts Arges daraus und spricht: Ja. Darauf gibt ihm der Mann so viel Geld, dass dem Jungen sein Brotbeutel voll wird und ist verschwunden. Nun ist der Pochjunge froh und geht nach Haus. Kaum tritt er in die Stube, so schüttet er voll Freunde das ganze Geld auf den Tisch. Die Alten verwundern sich und fragen gleich: Junge, wo hast du das viele Geld her? Da sagt’s der Junge ganz ohne Arg.

Das behalten wir nicht, spricht der Vater, das ist Teufelsgeld, das hat dir der Teufel gegeben, der ist es gewesen, der hat dich verführt und will dich morgen holen. Das soll ihm aber nicht gelingen. Du packst das Geld zusammen, wir müssen nach dem Superintendenten, der weiß gewiss Rat dagegen. Der Junge packt den Kram zusammen, wäscht sich und muss gleich in seinem Anfahrzeug mit nach dem Superintendenten. Alles wird erzählt.

Darauf sagt der Prediger, er wolle morgen früh mit dem Pochknaben anfahren, morgen früh solle aber der Junge, ehe er anführe, eine Nadel nehmen, sich in die Hand stechen, das drei Blutstropfen herauskämen und die Blutstropfen solle er in den Brotsbeutel laufen lassen und den Beutel wieder mitnehmen. Dann soll der Teufel seinen Willen nicht haben. Wir wollen ihm bei dieser Gelegenheit den Brei richtig versalzen. Das Geld aber könne der Vater behalten.

Nein, sagt der Vater, den verfluchten Kram behalte ich keine Stunde im Haus, das macht uns unglücklich; lieber ist es mir, wenn es die Armen kriegen, die wissen doch nicht woher es ist und tut denen gut. Damit ist auch der Superintendent zufrieden und behält es.

Wie es vier läutet am anderen Morgen, da geht der Superintendent mit dem Pochknaben zum Zellerfeld hinaus, hinunter nach dem Tal, nach dem Nonnenklosterpochwerk, das ist es gewesen, wo der Pocher gearbeitet hat. Alle wundern sich, dass der Mann mit nach dem Pochwerk kommt, allein man denkt, er will einmal das beten anhören und damit ist es gut.

Das beten geht an, der Superintendent hat den Brotbeutel mit den drei Bluttropfen in der Rocktasche. Alle sind andächtig, bis das Vaterunser gebetet wird. Der letzte Vers wird noch gesungen, da klopft wer draußen an das Fenster. Der Superintendent macht das Fenster auf und reicht den Brotbeutel mit den drei Bluttropfen hinaus.

Da entsteht ein gefährliches Prellerts und ein ekliger Schwefelgeruch kommt zum Fenster hinein. Alle erschrecken sich und wissen nicht, was das ist. Der Superintendent weiß es aber und der Pochjunge auch.

Wie es Tag wird, da liegt der Brotbeutel in Fetzen zerrissen vor dem Pochwerk. Von der Zeit an ist dem Pochknaben so was nicht wieder passiert. Das Geld haben aber denselben Tag noch viele Arme bekommen und sich gefreut. Der Pochknabe ist aber um seinen Lohn herum gewesen.

(von August Ey)

Die Feurige Kröte

Die Feurige KröteEs kommt einmal ein Schneider nach Sankt Andreasberg, aber nicht ganz hin. Nein, bis auf den Frau Hollenplatz und da bleibt er. Der Abend ist so hübsch, zwar nicht finster, aber auch nicht hell, just wie eine hübsche Sommernacht auf dem Harz. Er denkt, du sollst dich hier hinlegen, sparst du doch das Schlafgeld und wilde Tiere gibt es hier ja wohl nicht. Moos ist bald so viel zusammengerupft, dass Bett gemacht, er drauf und in ein paar Minuten hat er mit der Welt nichts mehr zu schaffen. Fest schläft er, wie ein Ratz. Da ist es mit einem Male, als risse ihn jemand die Augen auf. Der Berg ist ganz rot, wie der Himmel, wenn die Sonne untergehen will und doch sieht er keine Flamme, nichts wovon er so rot geworden ist. Als er darüber verwundert aufguckt, bemerkt er, dass das Rote unten vom Berg kommt und immer höher steigt, ja dass eine gefährlich große Kröte den Berg heraufkriecht und davon die rote Farbe des Berges herrührt. Er will auf, kann aber nicht; es ist, als wäre er selbst gebunden an der Stelle. Das Untier kommt langsam näher und näher auf ihn zu. Natürlich bekommt unser Schneider denn doch nicht gerade geringe Angst; ein Schneider ist ohnehin nicht beherzt. Was will er aber machen, er kann nicht weg; der Angstschweiß tritt ihm auf den leib, denn das Tier glüht über und über, und sperrt den Rachen weit auf, den heißen Atem kann man sogar sehen und die Augen glotzen ihn an.

Na, denkt er, die will dir zu Leibe, die macht dich kalt. Noch zwanzig Schritt ungefähr ist sie von ihm, das schlägt es zwölf Uhr auf dem Turm des Glockenbergs und als es den letzten Schlag tut, da ist alles verschwunden und auf einmal der Berg schwarz und finster. Die Sterne gucken hier und da aus den Wolken und jenseits, dort wo der Morgen liegt, geht der Mond auf. Der Schneider kann auch aufstehen und macht sich gleich nach Andreasberg hinein.

Da begegnet ihm der Wächter, der bläst zwölf. Der Schneider bittet ihn, er möchte ihm doch ein Nachtlager verschaffen. Der bringt ihn hin nach seinem Nachtwächterquatier und da bleibt der Schneider bis des Morgens. Sagt aber da kein Wort, was ihm passiert ist. Des anderen Morgens, so gegen zehn geht er zum Pastor und erzählt ihm den Vorfall auf dem Frau Hollenplatz. Der Pastor aber sagt, er wolle diesen Abend mit hin, dann würden sie sehen, was sich tun ließe. Der Schneider solle nur nicht bange sein. Die Kröte wäre gewiss verwünscht, und er (der Schneider) müsse sie erlösen. Dazu gehöre aber Herzhaftigkeit, auch dürfe er nicht sprechen, sonst wäre alles verloren. Ja, sagte der Schneider, er wolle alle seinen Mut zusammennehmen. Es wäre die Kröte aber ein scheußliches Ungetüm.

Wenns dass auch wäre, sagt der Pastor, so müsse er sie doch küssen. Das Abends halb elf geben sie mit einander nach der Stelle, setzen sich nebeneinander auf die Erde und der Pastor sagt nochmals zum Schneider: Wenn ich nun in diesem Buche lese, so bist du ganz stille, lässt kommen, was kommt und wenn dich die Kröte auch halb tot macht, du sollst sehen, es ist dein und mein Glück, auch der Kröte ihrs, dann sind wir alle reich. Dahinter steckt sicher etwas. Der Schneider verspricht auch dem Rat zu folgen.

So warten sie, bis es elf schlägt. Mit dem Schlag elf wird der Berg nach und nach hell und heller und diesmal noch viel heller, als das vorige Mal. Sie sehen schon die Kröte, wie sie den Berg langsam herauf kriecht; diesmal ist sie auch viel feuriger und abscheulicher, kommt auch schneller heran. Der Pastor liest was er kann und sucht den Schneider zu stärken, sieht ihn öfter tröstend an und winkt ihm, dass er ja Mut behielte.

Endlich kommt sie so nahe, dass sie dem Schneider auf die Beine mit ihren glühenden Pfoten tritt. Er fühlt den heißen, giftigen Hauch aus ihrem Feuerrachen, sie steigt höher an ihn herauf. Ihm schlägt das Herz. Der Pastor liest und sieht ihn scharf an, als wolle er sagen: Du, halt aus, zieh nicht weg.

Am Ende kommt sie ihm fast an den Mund, ihr Hauch riecht nach Schwefel, es dämpft ihm bald den Atem ab. Da Will sie ihn küssen. Aber nun kann er es nicht mehr aushalten , voll Abscheu wendet er das Gesicht weg und da schlägt es zwölf. So wie’s den letzten Schlag tut, da ist Alles verschwunden und der Pastor sagt voller Verdruss und Ärger: Nein, so ein Narr, solch eine Memme, wie der Schneider wäre, gibt’s nicht weiter. Nur noch einen Augenblick hätte er aushalten sollen, so wäre Alles geschehen. Der Schneider sagt aber, wenn er sich nicht abgewandt hätte, so hätte er ersticken müssen. Es ist nun vergebens gewesen, sie gehen also mit einander nach Haus und am folgenden Abend um dieselbe Zeit nochmals hin. Alles kommt wieder so. Der Berg wird aber diesmal so glüh, dass es wie Tag gewesen ist, und die Kröte brennt über und über. Der Schneider nimmt sich vor, er will’s diesmal besser machen. Hält auch aus bis dahin, dass ihn die Kröte fast mit ihrem Rachen berührt, da verlässt ihn aber der Mut und er wendet das Gesicht wieder ab, und in dem Augenblick schlägt es wieder zwölf und Alles ist verschwunden.

Nun hört man in der Ferne ein heulen und Schreien, als wenn ein Mädchen heftig weint. Da sagt der Pastor: Jetzt ist Alles vorbei und unser Angst und Mühe ist vergeblich, und das Geschöpf muss verwünscht bleiben.

Von der Zeit an hat man nichts wieder davon gehört und der Berg ist nie wieder rot geworden, außer des Abends, wenn die Sonne recht rot unterging, dann hat auch wohl noch einmal der Berg etwas rot ausgesehen. Der Schneider ist weiter gegangen, hat aber den Vorfall in Andreasberg seinem Wirt erzählt, bei dem er die Tage hindurch gewesen ist, und der hat’s wieder erzählt.

(von August Ey)