HMG31 – Der Hackeklotz

Ein Handwerksbursche, der zwar arm, dabei aber höllisch dreist war, kam in eine Stadt, da sollte der neue Herzog gekrönt werden. Das wollten viele Leute sehen und die Stadt war deshalb voll gestopft von Menschen, auch in keiner Herberge war noch ein einziger Platz übrig. Unser Handwerksbursch geht von einem Wirtshaus in’s andere, kann aber kein Unterkommen finden. Nun will er noch nach einer Herberge hin, die ganz am Ende der Stadt liegt. Er geht betrübt die Straße hinab, da begegnet ihm ein kleiner Mann, der ist sehr freundlich und frägt, warum er so traurig wäre. Der Handwerksbursch sagt, er könne keine Herberge kriegen, alles wär so voll, daß ihn kein Wirth behalten wolle. Nun solle dort unten vor dem Thore noch ein Wirthshaus sein, da wolle er sein Heil versuchen. Ach, spricht der Mann, das solle er nur lassen. Ob er nicht mit ihm gehen und bei ihm bleiben wolle, für gutes Abendbrot und auch gute Schlafstelle solle er nicht sorgen, die solle er haben. I, sagt der Handwerksbursch, das ist’s ja gerade, was ich nur will. Morgen geht’s weiter, was kümmert mich die Krönung, ich krieg’ doch nichts davon. Er geht also mit dem kleinen freundlichen Mann.

Unterwegs spricht der, morgen käme er aber nicht wieder weg, denn er hätte viel im Willen mit ihm, wenn er wolle, so könnte er hier ein wunderschönes neues Haus ganz für umsonst kriegen. Das wird einem nicht immer geboten, sagt der Handwerksbursche, an mir soll’s nicht liegen, wenn’s nichts wird. So kommen sie mit einander nach Haus. Der Wirth läßt gleich auftragen, was giebst du, was hast du; auch Wein und Bier, so viel der Gast trinken will; der thut sich natürlich recht bene; und der freundliche kleine Mann erzählt ihm dabei: draußen vor dem Thore hätte er ein wunderhübsches Haus stehen, das hätte er von seiner alten Base geehrbt; das wäre so wundervoll inwendig und auswendig und läg’ in einem Garten, der wäre wie ein Paradies. Das Schlimmste dabei wäre, daß Niemand des Nachts darin bleiben könnte; es spukte darin. Des Abends und des Nachts wage sich Keiner hin, er selbst auch nicht. Ob er das wohl erlösen könnte, frägt er den Handwerksburschen. Ach, sagt dieser, das wäre ja Narrenspossen, Spukerei gäb’s nicht, und Erlösen wär nicht nöthig. Das würde wohl Alles natürlich zugehn. Wenn’s da was gesetzt hätte, und hätte die Leute herausgejagt, oder hätte ihnen einen Denkzettel gegeben, so wären das gewiß Spitzbuben, die das gethan hätten. Das wollte er nicht sagen, spricht der Wirt, Manchen hätte es schon das Leben gekostet und jetzt gieng Keiner des Nachts dahin, vielweniger in’s Haus, und wenn er (der Handwerksbursch) das thun wolle, und drei Nächte darin kampieren, so verspräch er ihm das Haus, wie es da wäre und mit allem, was dazu gehöre. Sie schlagen ein, d.h. sie geben sich die Hand darauf. Der Handwerksbursch will gleich noch hin, der Wirt soll ihn nur hinbringen; der will aber nicht, und spricht: Morgen, wenn’s Tag wäre, wollten sie erst einmal mit einander hin und sich die Geschichte ansehen; dann müßten doch auch Sachen hingebracht werden, denn das Haus wäre ganz leer; es wäre auch nicht einmal ein Stuhl darin. Damit ist der Handwerksbursch zufrieden und geht dann zu Bett und schläft, wie ein Stein und träumt schon von dem schönen Schloß, das er haben soll.

Des Morgens darauf steht er auf, frühstückt mit seinem Wirt und darnach gehen sie einander nach dem verwünschten Haus; denn verwünscht ist es gewesen, wie sich nachher gezeigt hat. Der kleine Mann schließt auf, sie gehen hinein, durch alle Stuben und Kammern unten und oben, in die Küche, Speisekammer und den Keller, besehen sie; auch den Stall gehen sie durch; es ist aber alles leer, dabei alles gut und ordentlich eingerichtet. Als sie alles besehen haben, sucht sich der Handwerksbursch eine Stube aus, obenauf, mit einer Thür; ist auch hübsch groß gewesen und sagt zu seinem Wirt, ob er nun so gut sein wolle und für ihn ein Bett, einen Tisch und Stuhl, ein Licht und ein Buch herbringen lassen; das Buch müßte aber gut gehen, damit ihm die Zeit nicht zu lange daure. Das wird auch alles an dem Tag hingebracht; unterdessen bleibt der Handwerksbursch, es ist ein Schneider gewesen, bei seinem Wirt und lebt den Tag kötenvergnügt und puppenlustig; sie gehen auch mit einander aus in die Wirtshäuser, und der kleine Mann läßt sich’s ordentlich was kosten.

Des Abends, als sie auch erst gehörig vorgelegt haben, und der Schneider hat sich dick stempel voll gegessen und getrunken, geht er hin nach dem verwünschten Haus, schließt auf und macht sich in sein Zimmer. Hier setzt er das Bett, den Tisch und Stuhl mitten in die Stube, zieht mit Kreide einen Kreis um die Sachen, schließt dann die Thüre dichte zu, nämlich die Hausthüre vorn und hinten; eben so die Thür zu seiner Stube. Alles ist ruhig im Haus, es läßt sich nichts hören und sehen darin. Als er nun alles noch einmal durchgegangen hat, ob es in Ordnung ist, setzt er sich an seinen Tisch auf den Stuhl hinein in den Kreis, kriegt sein Buch vor und fängt an zu lesen; es ist ein hübsches Buch gewesen, das von Gottvertrauen und von Beistand Gottes in der Noth gesprochen hat, daran erbaut er sich recht und liest und liest bis es elf schlägt. Da hört er auf einmal ein Gehen und Laufen draußen auf dem Vorsaal, die Treppen auf und nieder, als wenn die Bedienten recht eilig zu thun haben; er hört das Feuer in der Küche knädern und knacken, auch Kutschengerassel vor der Thür und im Hof, aber kein Wort; es geht alles so geheimnißvoll, so geisterhaftig, so recht gespensterhaftig. Das ist ihm denn doch nicht einerlei, er bleibt aber auf seinem Stuhl vor dem Tisch im Kreise sitzen und denkt, wenn dir’s nur vom Halse bleibt.

Das dauert so hin bis halb zwölf; da prellt’s mit furchtbarem Gekrach gegen die Stubenthür, daß sie auffliegt und dann kommen sieben Männer herein, einer hat noch immer schlimmer ausgesehen, wie der andere, mit gefährlichen Prügeln in den Händen und stellen sich um den Kreis herum, in dem der Schneider sitzt. Alle glotzen ihn an, als wollten sie ihn durchbohren mit den Augen. Die Knüppel haben sie hoch, doch stehen sie still und so bleiben sie stehen bis es zwölf schlägt; mit dem letzten Schlag ist kaum der letzte zur Thür hinaus, so schlägt die Thür auch wieder zu, und alles ist still, wie’s vor elf gewesen ist.

Der Schneider erholt sich erst von der Angst, denn es hat ihm an jedem Haar ein Tropfen Schweiß gehängt vor Angst; er hat natürlich gemeint, die sieben wollen ihn todtschlagen. Wie’s halb eins ist und alles ruhig bleibt, legt sich der Schneider in’s Bett und schläft wie ein Ratz. Des Morgens, kaum graut der Tag, da kommt auch der kleine freundliche Mann und will sehen, ob er noch am Leben wäre. Als er an’s Haus klopft, guckt oben aus dem Fenster der Schneider froh und wohlgemuth.

Na, wie gieng’s diese Nacht, ruft der von unten; recht gut, der von oben. Nun wird aufgeschlossen; der Schneider muß mit dem Kleinen nach Haus, da wird tüchtig gefrühstückt und dabei fragt der Wirt, was in der Nacht dem Schneider passiert wäre. Der Schneider sagt, er glaube, es wäre besser, wenn er nicht eher etwas davon sage, bis alles vorbei sei. Das hält der Kleine auch für gut und so wird nicht weiter darnach gefragt und nichts davon gesagt. Der Schneider ist ganz lustig und denkt, du sollst dir’s heute noch zu gute machen, morgen lebst du vielleicht nicht mehr; denn gräulich ist die Geschichte doch.

Der Abend kommt wieder heran. Der Wirt läßt auftragen das Schönste und Beste, der Schneider holt tüchtig davon zu und um zehn geht er hin nach seinem Nachtquartier. Diesmal ist ihm aber doch etwas mehr Angst um’s Herz. Er hat’s aber angefangen, nun will und muß er’s auch vollenden. Oben auf seiner Stube zieht er noch einen Kreis um den ersten mit Kreide, steckt sein Licht an, holt sein Buch vor und setzt sich hin und liest. Es geht alles akkurat so wie gestern Abend. Nur, wie die Thür aufspringt, bringen Vier einen Sarg herein, nehmen den Deckel ab, setzen den dabei hin und in dem Sarg liegt ein wunderhübsches Mädchen und ist todt. Das bleibt liegen bis Dreiviertel auf zwölf, dann richtet es sich im Sarg auf, sieht ihn so freundlich an, als wenn’s sagen will, erlös mich doch und streckt die Hände nach ihm aus. Der Schneider aber bleibt ruhig sitzen und sieht das arme Mädchen an. Keiner sagt ein Wort. Wie’s bald zwölf ist, legt sich das Mädchen wieder im Sarg zurecht, die Vier legen den Deckel auf den Sarg und gehen damit zur Thür hinaus. Da schlägt die Thür von selbst zu, daß das ganze Haus bebt und dann ist Alles still. Die Geschichte ist aber dem Schneider nicht so fürchterlich gewesen, wie gestern Abend. Er hat das arme Mädchen bedauert, sich aber nicht geängstigt; deshalb läßt er doch aber das Licht brennen und legt sich zu Bett. Natürlich er schläft wieder, wie ein Stein.

Des Morgens holt ihn sein Wirt wieder ab, und wundert sich nicht wenig, daß der Schneider noch lebt; denn in der zweiten Nacht sind die Vorigen meistens todt gemacht, die sich in das Haus wieder gewagt haben. Beim Frühstück sagt der Wirt, zwei Nächte hätte er glücklich hingebracht, die dritte aber wär’ die schlimmste, da wär’ noch keiner davongekommen. O, sagt der Schneider, ihm thäte Niemand etwas. Er hätte ein gutes Mittel, das wäre gegen Hölle und Teufel gut. Der Wirt sagt darauf: Wenn er, der Schneider, morgen früh noch lebe, so gehöre ihm das Haus.

Nun gut. Der dritte Tag geht auch hin, und dem Schneider wird nicht wohl zu Muth, wie es anfängt, dunkel zu werden. Das schöne Abendessen will diesmal nicht rutschen. Er ist verstimmt, thut sich’s aber nicht aus. Um zehn reicht er seinem Wirt die Hand und sagt, lebt wohl, wenn ich umkomme, so wißt ihr, daß ich nicht feig gewesen bin. Der Wirt empfiehlt ihm Gottvertrauen und Muth, und so macht sich der Schneider fort, und macht einen dritten Kreis um die beiden ersteren und setzt sich hinein. Dies geht auch wieder alles so, wie die vorigen Abende. Nur wie die Thür aufspringt, da bringen zwei einen Hackeklotz und dann kommen noch ein alter Mann und eine alte Frau herein; die Frau hat eine große, schwarze Katze unterm Arm, die immer fort will, aber nicht kann, dann aber den Schneider mit ihren großen Augen anguckt, als wenn sie ihn zerreißen möchte. Der Mann hat aber ein blankes, scharfes Hackebeil in der Hand und kommt auf den Schneider zu. Das wird aber arg, nun geht’s dir an’n Kragen, denkt der Schneider, und der Angstschweiß fließt ihm von der Stirn, doch bewegt er sich nicht von seinem Platz; diesmal, wie sonst, bleibt alles außer den Kreisen. Der Hackeklotz aber und der Mann mit dem Beil steht dicht neben ihm. Endlich winkt ihm der Mann, er soll das Beil hinnehmen. Der Schneider denkt, thust du’s, oder thust du’s nicht! Geht erst lange mit sich zu Rath. Endlich nimmt er das Beil hin und meint, dann kann dich der doch nicht damit todtschlagen.

Kaum hat er’s hingenommen, so faßt der Mann die schwarze Katze beim Kopf, die Frau faßt sie an die Hinterbeine und legen sie auf den Hackeklotz. Die Katze wehrt sich, beißt und kratzt, was das Zeug halten will, es hilft aber nichts, sie kommt nicht los. Da winkt der Mann dem Schneider, er soll der Katze den Kopf abhacken. Da ist er denn nicht faul. Bautz! da liegt der Kopf. In dem Augenblick aber ist auch der Schneider vor Schreck zur Erde gestürzt; denn es ist gewesen, als wäre ihm auch der Kopf vom Rumpfe geschlagen.

Wie er ein wenig später wieder zu sich kommt, hört er so dumpf ein Laufen und Rennen um sich, viele Leute stehen um sein Bett. Er fühlt, der Arzt hält seine Hand und untersucht den Puls. Alles ist ihm ein Wirrwarr, so kurios; endlich schlägt er die Augen auf. Sein erstes ist, was er erblickt, das hübsche Mädchen, das im Sarg gelegen hat. Die steht vor ihm und küßt seine Hand, nachher auch seine Stirne und nennt ihn ihren theuren Retter. Der alte Herr und die Dame sind auch da im Zimmer, Bediente stehen an der Thür, und der Doktor sitzt vor ihm am Bette und wünscht ihm Glück dazu, daß er wieder erwacht ist. Alles ist um ihn herum verwandelt, alles erlöst. Das Haus ist nun ein prächtiges Schloß und alles bewegt sich so, wie er es in den Nächten gehört hat. Das junge Mädchen ist ein Edelfräulein, die Alten die Eltern von ihr. Kurz, alles ist wieder so, wie vor der Verwünschung, die eine Hexe gethan hat und der nun durch den Schneider der Kopf abgehauen ist. Der kleine freundliche Mann kommt darnach auch und freut sich, daß das Wagestück gelungen ist und schenkt dem Schneider das Haus. Das junge Mädchen wird seine Braut und nicht lange darnach seine Frau. Da ist aus dem Schneider ein reicher, vornehmer Edelmann geworden, der alle Tage in Kutschen und Karossen hat fahren können, und er ist der glücklichste Mann gewesen, den’s hat geben können. Auch hat er die Alten bei sich behalten, bis sie gestorben sind. Natürlich ist der kleine freundliche Mann sein bester Freund geblieben bis an sein Ende. Das bringt der Muth zuwege.

(von August Ey)

HMG24 – Der Hexenritt

Ein Bergmann hat immer darüber gespottet, wenn die Leute gesagt haben, die Hexen reiten nach dem Brocken in der Walpurgisnacht. Öfter hat er dann gesagt, wenn mir nur einmal solch ein altes Tier in die Quere käme, ich wollte sie schmeißen, sie sollte die Beine aufkehren! Was will denn solch ein Gerippe von einem alten Weibe, dass nur aus Haut und Knochen zusammengesetzt ist, gegen unser einen.

Na, na, sagt oft die alte Nachbarin, die nebenan gewohnt hat: Napper, Napper, su was lächtes iss es doch net, sune Reiterin obzeschmeißen, nammt ich an Wulperscheband in Acht. Possen, nicht als Possen, hat er dann gesagt. Ich will ihr’s schon geben, dass ihr das Reiten vergehen will. Darauf hat die Alte geschwiegen.

Nun kommt der Walpurgisabend, den Abend wird knollig geschossen, es ist gewesen, als wenn der Feind angekommen ist. Mit Katzenköpfen, Flinten, Büchsen und Pistolen. Jedes hat sein Knalleisen an dem Abend tüchtig gebraucht, und je stärker das es geknallt hat, desto mehr hat man sich darüber gefreut. Den Abend, es ist so gegen neun gewesen, muss der Bergmann anfahren. Er hat Order gekriegt, im Schacht hat’s gebrochen, er soll dem Ausrichter helfen.

Fliegende Hexe greift MannWie er nun auf die Bremerhöhe kommt, da kommt denn ein Schwarm alte Weiber angesaust durch die Luft; das ist ein Geschrei und Gejohl’ gewesen, als wenn alle Teufel los sind. Eine kommt herunter, stülpt den Bergmann um, er mag wollen oder nicht und gleich auf ihn, und da geht’s durch die Luft fort hinter die Anderen her nach dem Brocken.

Er kann kaum atmen, dabei ist dass alte Weib so schwer, dass es ihm die Knochen fast eindrückt. Um elf kommen sie auf dem Brocken an, da wird er erlöst, sie steigt ab und der Bergmann fällt halb tot auf die Erde. Da umzingeln ihn nun die anderen Hexen und tanzen um ihn und der Teufel ist auch dazwischen; dann richten sie ihn auf und fragen ihn, ob er nun schweigen könne oder ob er in Öl gebraten werden wollte. Wer will sich aber gern in Öl braten lassen; er sagt, er wolle nichts wieder sagen von den Herrn. Da spricht der Teufel, wenn er sich aber je ein Wort verlauten ließe, so wäre er ein Kind des Todes. Da oben haben die Hexen denn aber eine Schande getrieben, das darf man gar nicht sagen.

Wie es nun so gegen zwölf hinkommt, da macht sich der ganze Schwarm wieder auf und die eine Hexe kriegt unseren Bergmann wieder her, setzt sich darauf und nun geht’s wie unsinnig durch die Luft und zurück bis nach Bremerhöhe bei Clausthal. Auf der Stelle, wo ihn das Hexenweib gefasst hat, da geht es wieder nieder und er ist frei. Ein paar Stunden hat er erst gelegen und hat sich erholen müssen, dann kriecht er langsam nach Haus.

Seine Frau ist schon wieder aufgestanden und will eben fort in den Wald und eine Tracht Holz holen, als er nach Haus kommt. Ach Frau, sagt er, bleib da. Ich hab eine schlechte Nacht gehabt. Geh hinaus in die Küche und leg ein bisschen Holz in den Ofen, ich habe geschwitzt, dass ich mich umziehen kann. Sie geht hinaus und tut es. Da erzählt er dem Ofen sein Schicksal; seine Frau steht am Ofen beim Einheizen und hört es. Kommt herein, sagt aber nichts. Eine halbe Stunde danach kommt auch das alte Weib, die Nachbarin und spricht: Es wäre sein Glück, dass er es beim Ofen und seinem Menschen erzählt hätte, sonst sollte er sehen, wie es ihm ginge.

Da wissen sie, dass dies eine Hexe gewesen ist. Die Frau geht hin und sieh, die infame Hexe wird verbrannt, da ist ihr gerade Recht geschehen.

(von August Ey)

HMG21 – Der Bielstein

Ein junger Bergbursche hatte sich bei Lautenthal verloren und konnte und konnte sich nicht wieder finden. Nach vielem Bergauf- und Bergabklettern kommt er dahin, wo der Bach herunter fließt, er wird die Laute genannt, da wo die hohen Felsen stehen. Immer weiß er noch nicht, wo er ist; es wird schon finster und die Vögel haben auch die Köpfe schon unter die Flügel gesteckt und fangen an zu schlafen. Da hörte er mit einem male eine Rabenstimme, die krächzte ganz gefährlich. Er wendet sich nun und sieht einen großen, großen Raben, der hat ein goldenes Halsband um, und auf dem Rücken ein allerliebstes Mädchen.

Das Mädchen steigt von dem Raben ab, der Bergbursche hin nach ihm, und das niedliche Kind kommt auf ihn zu und reicht ihm die Hand und spricht, er solle mit ihm gehen. Natürlich er thut es und geht mit. Es führt ihn an den Felsen, zieht ein Stöckchen aus dem Busen und klopft dreimal an den Stein, da thut sich der Felsen auf, und sie gehen mit einander hinein. Ach, sagte das Mädchen, mein Lieber, willst du mir einen Gefallen thun, und willst mich unglückliches Geschöpf erlösen? Ich bin von einer bösen Hexe verwünscht und kann nur alle hundert Jahre einmal drei Tage Mensch werden. Jetzt ist schon der zweite Tag vorbei, morgen ist der letzte, dann muß ich wieder hier in diesem dunklen Felsen sitzen und hundert Jahre warten, ehe ich wieder Mensch werde, wenn mich keiner bis morgen erlöst. Ja, sagte der Bergbursche, womit kann ich dich denn erlösen? Ach, spricht sie ganz traurig und betrübt, komm morgen mit drei weißen Rosen hierher, die Höhle wird offen sein, du mußt dich aber nicht fürchten, auch bei Leibe nicht sprechen. Dann machst du ein Feuer hier auf dieser Stelle an, das Holz mußt du mit herein bringen und wirfst die drei Rosen in’s Feuer, daß sie verbrennen, dann bin ich erlöst und du wirst recht reich und glücklich.

Der Bergbursche verspricht ihr, er will Alles thun. Nun stehen da große Truhen voll Gold und schöner Edelsteine. Hier, sagt sie, nimm dir einstweilen, so viel du willst, damit du siehst, ich meine es treu, und du bist gewiß auch treu und hältst Wort. Er schwört sogar, daß er Wort halten will, darauf steckt er sich die Taschen voll Gold und Edelsteine, dann bringt ihn das Mädchen auf den rechten Weg, daß er sich nach Haus finden kann. Er ist gar nicht weit von Lautenthal gewesen und weiß nun gleich Bescheid.

Des andern Morgens läuft er in ganz Lautenthal herum, und kann und kann erst keine einzige, vielweniger drei weiße Rosen kriegen; denn es ist Winter gewesen, wo man keine weißen Rosen hat. Endlich kriegt er doch noch seinen Willen und freut sich wie ein König, daß er noch drei weiße Rosen kriegt; es ist schon Dämmerung gewesen und die höchste Zeit. Nun läuft er gleich hin nach dem Felsen, jetzt nennt man’s den Bielstein, der ist offen. Er sucht sich erst einen Arm voll Äste; Stahl, Stein und Schwamm und Schwefelsticken hat er auch mit und geht in die Höhle. Es ist noch alles, wie gestern, nur das hübsche Mädchen ist nicht da.

Er legt nun das Holz zurecht und mach Feuer. Wie er aber den Schwefelstock anstecken will, so kommt ein furchtbarer großer Kerl und giebt ihm eine Ohrfeige, daß ihm die Gedanken vergehen, und er besinnungslos zur Erde fällt.

Wie lange er da gelegen hat, das weiß er nicht, endlich macht er sich auf und kriecht heraus und geht Heim. Von der Zeit an hat er nur alle Tage ein paar Worte sprechen können, sonst ist er stumm gewesen. Da hat er denn nach und nach die Geschichte erzählt. Zu arbeiten hat er nicht gebraucht, denn er hat von dem Geschenk doch genug zu leben gehabt. Alt ist er aber nicht geworden. Und von dem hübschen Mädchen hat keiner wieder was gehört und gesehen. Sitzt wahrscheinlich noch im Bielstein.

(von August Ey)

HMG15 – Das Bleigießen am Andreastag

Am Andreasabend, d.h. am Abend vor Andreastag, wird hier Blei gegossen, das ist eine bekannte Geschichte. Es versammelt sich das junge Mädchen- und Mannsvolk bei Diesem und Jenem, essen Honigkuchenkalteschale, tanzen, singen, spielen, werfen den Schuh, schütteln den Erbzaum, führen sich dabei an und verkürzen sich den Abend, bis die elf herankommt; zuletzt wird Blei gegossen. Dabei ist Regel, Niemand darf sprechen, sonst gilt’s nicht, und der Guß gelingt nicht. Ist aber Jedes stille, so erfährt’s aus der Gestalt, die das Blei beim Guß angenommen hat, ob das Mädchen einen Berg- oder Forstmann, oder was es für einen Mann kriegt. Und umgekehrt, wessen Tochter der Junggesell einmal heirathet; es soll schon oft eingetroffen sein und deshalb glaubt man’s und gießt Blei.

Also am Andreasabend sind einmal eine ganze Menge Mädchen allein in der Küche und wollen Blei gießen. Das eine hat schon gegossen und hat hübsche Tannenbäume gekriegt; sie heirathet also einmal einen Förster. Die zweite setzt eben das Blei in den Löffel, da fällt ein Menschenbein im Schornstein herunter und bleibt stehen, dann noch eins und bleibt dabei stehen.

Nun kriegen sie es alle mit der Angst und wollen ausreißen, aber die Thür und die Fenster sind fest zu und sie können nicht weg. Darnach fällt ein Rumpf im Schornstein herunter und auf die Beine und bleibt sitzen. Darnach kommt ein Kopf und fällt auf den Rumpf und bleibt darauf sitzen. Dann fallen auch noch ein paar tüchtige Arme im Schornstein herunter und bleiben an dem Rumpf sitzen und so steht da ein langer, hämischer Kerl.

Zuletzt kommt auch noch ein tüchtiger Prügel zum Schornstein herein und fällt dem Kerl in die Hand. Und nun hätte man sehen sollen, wie erbärmlich der Kerl mit dem Knüppel auf die armen Mädchen los schlug, ja es war zum Gotterbarmen.

Als sie nun alle windelweich geschlagen waren und halb todt auf der Erde lagen und schrecklich winselten und jammerten, da flog mit einmal der Knüppel, dann die Arme, dann der Kopf, der Rumpf und zuletzt die Beine wieder zum Schornstein hinaus. Die Leute kamen aus dem Hause alle in die Küche, fanden die Mädchen im Blute liegen, ließen sich die Geschichte von einem Mädchen erzählen, das am wenigsten geschlagen war und mit dem Bleigießen war’s für diesmal verpfuscht; zwei von den Mädchen sind am folgenden Morgen gestorben. Daran hatte aber eine beianwohnende Hexe schuld; die Mädchen hatten ihre Tochter nicht mit beim Bleigießen haben wollen. Das hatte sie ihnen zum Possen gethan.

(von August Ey)

HMG06 – Die Schildwache

Ein König hatte eine bildschöne Tochter, das war des Vaters höchstes Gut und er liebte sie über alles in der Welt.

Da kam einst ein mächtiger Zauberer, der von der großen Schönheit der Prinzessin gehört hatte und wollte sie heiraten. Der König aber schlug dem Freier die Bitte ab und so die Tochter auch. Deshalb wurde der Zauberer böse und verwünschte die Prinzessin; denn er sprach: „Du sollst augenblicklich sterben, und alle Nacht um 11 Uhr aus deinem Grabe heraus steigen und bis um 12 Uhr ein Bär sein!“ Du König aber sollst alle Nacht eine Wach an das Grab stellen, und tust du das nicht, so bist auch du ein Kind des Todes.

Als er das gesagt, stürzte das blühende Mädchen tot zur Erde, der Zauberer aber war verschwunden. Man machte alle möglichen Versuche, das Mädchen zu retten, sie war aber tot und blieb tot. Weil nun alles nicht half, so wurde sie in der Kirche begraben und dem Vater brach darüber beinahe das Herz. Er erinnerte sich aber an den schrecklichen Befehl des Zauberers und ließ eine Wache an das Grab stellen.

Am folgenden Morgen bekam der betrübte König die Nachricht, das die Wache zerrissen und tot bei dem Grabe gefunden wäre; den zweiten Morgen kam die nämliche schreckliche Botschaft und so alle Tage. Das ging lange Zeit so und der König hatte fast keine Soldaten mehr, die Wache bei der verstorbenen Prinzessin stehen wollten; deshalb musste endlich jedes mal gelost werden. Da traf einst das Los einen Soldaten, der ein junger hübscher Mensch und der einzige Sohn seiner Eltern war. Als er aber gezogen hatte, wurde er ganz traurig; denn er dachte, dass es ihm nicht besser gehen würde, wie seinen andern Kameraden, die Wache bei dem Grabe standen. In seiner Verzweiflung ging er noch einmal hinaus ins Freie, er wusste aber nicht wohin; da begegnete ihm ein altes Mütterchen, das fragte ihn, warum er so traurig sei. Er erzählte ihm sein Schicksal. Das Mütterchen aber sagte, er möge nur ruhig sein; wenn er hinkomme, so solle er sich an das Grab stellen und ja nicht einschlafen, und wenn es elf schlüge, so würde ein Bär aus dem Grabe kommen, dann solle er anfangen zu laufen, Trepp’ auf, Trepp’ nieder, bis dreiviertel auf zwölf, dann aber geschwind in das leere Grab springen und ja nicht wieder herausgehen, sonst müsse er sterben. Der Soldat dankte dem Mütterchen aufs herzlichste und ging gestärkten Mutes wieder in sein Quartier zurück.

Der verhängnisvolle Abend kam heran, man brachte den Unglücklichen unter vielen Trauerbezeugungen hin in die Kirche und schloss die Tür hinter ihm zu, damit er nicht entlaufe. Er stellte sich treu dem Befehle neben das Grab und erwartete mit Klopfendem Herzen die Mitternachtsstunde. Als es Elf schlug, tat sich das Grab auf und ein Bär kam heraus. Da fing der Soldat an zu laufen immer zu, und der Bär hinter ihm drein. Als nun der Mensch bald nicht mehr laufen konnte, da schlug es endlich dreiviertel auf zwölf und geschwinde sprang er in das offene Grab und blieb darin sitzen. Da das der Bär sah, legte er sich auf’s Bitten und sagte: „Schildwache, gehe aus meinem Grabe!“ Der Soldat blieb aber steif und fest darin sitzen. Der Bär bat immer dringender und inbrünstiger, aber jener blieb im Grabe sitzen. Da schlug es zwölf Uhr und mit dem letzten Schlag tat der Bär einen Schrei, dass dem Soldaten Hören und Sehen verging und in dem Augenblick war der Bär wieder in die Prinzessin verwandelt, die stand vor dem Grabe und war wieder lebendig. Da er das sah, stieg er aus der Gruft und war froh in seinem Herzen; denn er hatte die Königstocher erlöst.

Am andern Morgen kam der König und wollte sehen, was aus dem Soldaten geworden wäre. Wie erstaunte jener aber, als dieser ihm ganz unversehrt mit der Prinzessin an der Hand entgegen kam. Da war große Freude und der König gab sie ihm zur Frau und beide lebten glücklich mit einander lange Jahre.

(von August Ey)

Der Hexenritt

Hexenritt 300Ein Bergmann hat immer darüber gespottet, wenn die Leute gesagt haben, die Hexen reiten nach dem Brocken in der Walpurgisnacht. Öfter hat er dann gesagt, wenn mir nur einmal solch ein altes Tier in die Quere käme, ich wollte sie schmeißen, sie sollte die Beine aufkehren! Was will denn solch ein Gerippe von einem alten Weibe, dass nur aus Haut und Knochen zusammengesetzt ist, gegen unser einen.

Na, na, sagt oft die alte Nachbarin, die nebenan gewohnt hat: Napper, Napper, su was lächtes iss es doch net, sune Reiterin obzeschmeißen, nammt ich an Wulperscheband in Acht. Possen, nicht als Possen, hat er dann gesagt. Ich will ihrs schon geben, dass ihr das Reiten vergehen will. Darauf hat die Alte geschwiegen.

Nun kommt der Walpurgusabend, den Abend wir knollig geschossen, es ist gewesen, als wenn der Feind angekommen ist. Mit Katzenköpfen, Flinten, Büchsen und Pistolen. Jedes hat sein Knalleisen an dem Abend tüchtig gebraucht, und je stärker das es geknallt hat, desto mehr hat man sich darüber gefreut. Den Abend, es ist so gegen neun gewesen, muss der Bergmann anfahren, er hat Order gekriegt, im Schacht hat’s gebrochen, er soll dem Ausrichter helfen.

Wie er nun auf die Bremerhöhe kommt, da kommt denn ein Schwarm alte Weiber angesaust durch die Luft; das ist ein Geschrei und Gejohl gewesen, als wenn alle Teufel los sind. Eine kommt herunter, stülpt den Bergmann um, er mag wollen oder nicht und gleich auf ihn, und da geht’s durch die Luft fort hinter die Anderen her nach dem Brocken.

Er kann kaum atmen, dabei ist dass alte Weib so schwer, dass es ihm die Knochen fast eindrückt. Um elf kommen sie auf dem Brocken an, da wird er erlöst, sie steigt ab und der Bergmann fällt halb tot auf die Erde. Da umzingeln ihn nun die anderen Hexen und tanzen um ihn und der Teufel ist auch dazwischen; dann richten sie ihn auf und fragen ihn, ob er nun schweigen könne oder ob er in Öl gebraten werden wollte. Wer will sich aber gern in Öl braten lassen; er sagt, er wolle nichts wieder sagen von den Herrn. Da spricht der Teufel, wenn er sich aber je ein Wort verlauten ließe, so wäre er ein Kind des Todes. Da oben haben die Hexen denn aber eine Schande getrieben, das darf man gar nicht sagen.

Wie es nun so gegen zwölf hinkommt, da macht sich der ganze Schwarm wieder auf und die eine Hexe kriegt unseren Bergmann wieder her, setzt sich darauf und nun geht’s wie unsinnig durch die Luft und zurück bis nach Bremerhöhe bei Clausthal. Auf der Stelle, wo ihn das Hexenweib gefasst hat, da geht es wieder nieder und er ist frei. Ein paar Stunden hat er erst gelegen und hat sich erholen müssen, dann kriecht er langsam nach Haus.

Seine Frau ist schon wieder aufgestanden und will eben fort in den Wald und eine Tracht Holz holen, als er nach Haus kommt. Ach Frau, sagt er, bleib da. Ich hab eine schlechte Nacht gehabt. Geh hinaus in die Küche und leg ein bisschen Holz in den Ofen, ich habe geschwitzt, dass ich mich umziehen kann. Sie geht hinaus und tut es. Da erzählt er dem Ofen sein Schicksal; seine Frau steht am Ofen beim Einheizen und hört es. Kommt herein, sagt aber nichts. Eine halbe Stunde darnach kommt auch das alte Weib, die Nachbarin und spricht: Es wäre sein Glück, dass er es beim Ofen und seinem Menschen erzählt hätte, sonst sollte er sehen, wie es ihm ginge.

Da wissen sie, dass dies eine Hexe gewesen ist. Die Frau geht hin und sieh, die infame Hexe wird verbrannt, da ist ihr gerade Recht geschehen.

(von August Ey)