HMG25 – Die lange Nase

Es ist hier einmal ein Vater gewesen, der hat drei Söhne gehabt; zwei kluge und einen dummen; alle drei wollen sich was versuchen und fordern ihr Erbtheil. Der Vater giebt jedem, was er haben soll. Jeder kriegt aber einen Holster und darin was zu leben mit, und so gehen sie fort; einer nach dem andern; der eine hierhin, der andere dorthin.

Da begegnet dem ältesten ein altes Mütterchen, sie kann kaum fort und sieht aus, wie die theure Zeit; vom Hunger nämlich. Die sagt zu dem ältesten: Sei doch so gut und gieb mir einen Bissen Brod, sonst muß ich verhungern. Darauf antwortet der, er ist nämlich zu faul gewesen, seinen Holster abzuhucken; ach geh’ zum Teufel, an euch Gerippe verliert die Welt nichts und geht fort. Die Frau bittet noch einmal, bekommt aber nichts. Da sagt sie noch: Ist auch dein Vortheil nicht.

Mit dem zweiten gehts ebenso, der ist aber geizig gewesen und hat nichts missen können. Der dritte aber, das ist der dumme gewesen, wie den die Alte bittet, der setzt gleich seinen Holster ab, und schneidet ihr ein tüchtiges Stück Brot und Spreck ab und spricht; da alte Mutter, thut euch was zu gut und freut sich, wie sie so heißhungerig in das Brot hineinbeißt. Als er fortgehen will, sagt die Alte: Halt, du mußt belohnt werden für Deine Gutthat. Da zieht sie eine alte Hosentasche aus ihrem Busen und giebt das Ding dem Dummen. Der weiß nicht, was er damit soll und frägt, wozu soll die Tasche gut sein? Greif hinein, spricht die Alte. Er thuts und hat die Hand voll blanke Thaler. Dazu giebt sie ihm eine Wurzel und spricht: reibst Du die Wurzel zwischen deinen Händen, so bist Du gleich, wohin du willst. Zuletzt giebt sie ihm auch einen ledernen Däumeling, den zieh über den linken Daumen, wenn Du mich sprechen willst, wird dir von großem Nutzen sein. Er bedankt sich schön für die Sachen, steckt sie sorgfältig bei und geht fort.

Im nächsten Wirtshaus läßt er sich was zu essen geben und bezahlt aus dem Wunderbeutel und so geht’s auf seiner ganzen Reise. Er hat nicht schlecht gelebt, und dabei hat er auch was darauf gehen lassen, hat’s ja gekonnt und hat ihm nichts gefehlt. Nun kommt er in eine Stadt, da wohnt ein König, der hat eine wunderhübsche Tochter, die ist aber schrecklich eigensinnig gewesen und auch hartherzig und stolz. Kein Mensch ist ihr zu Dank und haben sie viele haben wollen. Den jungen Männern hat sie dann aber drei Räthsel aufgegeben, und wer’s nicht errathen kann, muß sterben. Viele Königs- und Fürstensöhne sind bei der Geschichte um ihr bischen Leben gekommen.

Das hört nun auch der Dumme, wie er in die Stadt kommt, wo die Königstochter ist. I, sagt er, da müßtest du doch auch einmal dein Heil versuchen. Du hast ja die Wurzel, die hilft dir aus der Klemme, wenn’s schlimm wird. Du kannst bei dem Handel nur gewinnen, aber nicht verlieren. Doch wär es aber gut, du ließest einmal deine Alte kommen. Er holt also seinen Däumling hervor, zieht den an den linken Daumen, und gleich ist die Alte da. Hör, sagt er, so und so, ich möchte wohl die Königstochter haben, aber ehe ich hingehe, möchte ich euch erst fragen, ob’s wohl gut ist für mich. Das kannst du ja thun, sagt die Alte. Dazu mußt du aber dies haben. Hier ist eine Leimruthe, ein Vogel und ein Teller. Wenn nun die Königstochter frägt, ‚was hält fest,‘ so giebst Du ihr die Leimruthe hin. Wenn sie frägt, ‚was wird gesengt und gebrennt,‘ dann gieb ihr den Vogel. Wenn sie sagt, ‚es ist gar,‘ so reich ihr den Teller, darauf soll sie ihn hinlegen. Dann wird sie weiter nichts wissen und muß dich zum Mann nehmen, dann sei aber klug und laß dich nicht anführen.

Die Alte ist darauf gleich wieder verschwunden. Wie sie fort ist, denkt er, es wäre doch wohl gut, wenn du dir die hübsche Mamsell erst einmal ansähest, ob sie dir auch gefiele, ehe du wirklich hingehst. Er holt also seine Wurzel aus der Tasche heraus, dreht die zwischen den Händen und wünscht sich hin nach der Königstochter, wo die ist. Gleich ist er fort, und das beste dabei ist, er sieht sie, sie ihn aber nicht, und sie gefällt ihm; denn sie hat ein so hübsches Gesicht, so runde rothe Backen und ist dabei eine Figur, wie er fast noch keine gesehen hat.

Er sieht sie lange an, hört zu was sie spricht und sieht was sie thut. Da sitzt sie auf einem wunderschönen Kanapee, das mit Sammet beschlagen ist und spricht eben mit vier vornehmen Damen, die bei ihr sitzen, von den armen Männern, die über sie in’s Grab beißen müssen und sagt, sie möchte wohl, daß keiner wiederkäme; denn es könnte kein Mensch ihr Räthsel errathen. Da spricht noch die Dame, das könne sie doch nicht ganz wissen, es könnte doch einmal einer kommen, der’s erriethe, und den müßte sie denn doch nehmen, sie möchte ihn leiden können oder nicht. O, sagt sie, dann gäbe es ja auch Mittel, den wieder los zu werden. Sie wollte nur das dumme Männervolk prellen, daß ihm die Augen nicht über, sondern zu gehen sollten.

Wie der Dumme das gehört hat, da hat er genug, reibt die Wurzel und ist gleich wieder in seinem Wirtshaus. Jetzt überlegt er’s noch einmal, ob er es thut oder nicht, ober er hingeht, oder ob er wegbleibt. Am Ende denkt er, sollst hingehen; daß doch endlich ihr Mund einmal gestopft wird. Er also hin, läßt sich anmelden und wird auch vorgelassen. Da sagt er, was er will. Die Königstochter sagt aber gleich, er solle sich nur gleich wieder fortpacken, er könnte doch ihre Räthsel nicht errathen, sonst koste es seinen Kopf, er gefiele ihr auch nicht.

Darauf spricht er: das wäre ihm gleichviel, sie solle nur erst ihre Räthsel sagen, dann fänd’ sich’s. Sie sieht ihn so von der Seite recht verächtlich an und spricht: Was hält fest? Da zieht er ganz langsam ein Kästchen aus der Tasche und nimmt daraus eine Leimruthe und reicht ihr die und spricht, die hält fest. Da macht die Prinzessin große Augen und spricht in Wuth: Was sengt und brennt? Da zieht er einen Vogel aus der Tasche und sagt, der wird gesengt und gebrennt. Da stutzt sie noch mehr und sagt in großer Eile: Es ist gar, was mein ich damit, sagt sie. Da holt er seinen Teller heraus und sagt, ist es gar, so legt’s auf den Teller. Da wird sie vor Gift und Galle stumm. Er aber spricht, er hätte die Räthsel errathen und nun müßte sie seine Frau werden. Das wäre auch leider schlimm genug, spricht sie, daß sie ihn nehmen sollte und doch gieng es nicht anders; sie müsse sich wohl fügen und da wird Hochzeit gemacht.

Nun nimmt er sich aber erst recht in Acht. Von allem was er essen soll, muß sie erst essen. Bei Tag und bei Nacht ist er auf seiner Hut, daß sie ihm keinen Schabernack anthun kann. Seinen Wunderbeutel näht er sich in seine Hosentasche, die Wurzel steckt er in die Westentasche und den Däumeling näht er in seinen Rock in die Brusttasche hinein. Gut das. Es geht wohl ein halb Jahr so hin und sie verwundert sich immer, wo er das viele Geld herkriegt, das er immer hat, und frägt ihn auch einmal, wo er denn das herkriegt? I, sagt er, das ist einerlei, genug ich hab’s und geb’s aus und weiter ist nichts nöthig, ob du das weißt oder nicht. Ich hab’s in der Tasche hier. Laß mich doch einmal etwas herausholen, spricht sie. O ja, sagt er. Sie greift hinein und holt eine Hand voll blanke Thaler heraus. Ach, sagt sie, recht bittend und zärtlich und schmeichelt ihm und herzt ihn, sag mir doch, wie geht denn das zu. Ach, spricht er, das kann ich dir nicht sagen und darf’s dir nicht sagen. Ich habe immer Geld in der Tasche. Sie umfaßt ihn so recht zärtlich und fühlt die Wurzel in der Westentasche, faßt zu und nimmt sie weg, ohne daß er’s weiß.

Des Nachts steht sie auf und nimmt ihn die Hose mit sammt der Tasche weg. An den Rock kommt sie aber nicht, worin der Däumling steckt. Wie sie’s weg hat, so läßt sie die Bedienten kommen, und die müssen ihren Mann zum Dinge hinausprügeln. Er hat kaum so viel Zeit, daß er seinen Rock überschmeißen kann. So muß er fort, barfuß und barbeinig zum Tempel hinaus. Gut, daß es Nacht gewesen ist, daß ihn keiner gesehen hat. Kaum ist er aber auf freiem Felde, da macht er seinen Däumling los, zieht den an den linken Daumen und im Augenblick ist die Alte bei ihm und frägt, was er ihr wolle. Da klagt er ihr denn seine Noth, wie niederträchtig hinterlistig das Weib gegen ihn gewesen wäre, kurz er erzählt ihr die ganze Geschichte. Ach, spricht sie, sie wisse schon alles; er solle nur ruhig sein, die solle schon ihr Recht dafür haben. Sie müßte alles wieder hergeben. Er möchte einstweilen diesen Beutel nehmen, den müßte er ihr aber hernach wiedergeben, wenn er den ersten wieder gekriegt hätte. Dieser Beutel mache klug, reich und vornehm. Sie würde nun jetzt die Prinzessin krank machen, daß sie Schürfe an der Nase kriege, die würden ihr denn wohl erst tüchtige Schmerzen machen, daß sie Tag und Nacht keine Ruhe hätte. Er solle sich dann zum Doctor machen, in einem schönen Wagen nach dem Schlosse fahren und sich anmelden lassen, er wolle sie von ihrer Krankheit befreien. Wenn er dann vor die Prinzessin käme, so solle er sie erst ordentlich ausfragen, und im Gesichte befühlen und zuletzt sagen: Sie hätte zweierlei in ihrem Hause, das ihr von rechtswegen nicht gehöre. Das müßte sie ihm geben, sonst würde sie im Leben nicht wieder gesund; das wäre behert und davon wäre sie krank geworden, und ehe das nicht weg aus ihrem Hause wäre und vernichtet würde, eher würde sie nicht gesund, eher gingen auch die brennenden Schürfe nicht weg. Gäb sie es ihm aber, so wäre sie am dritten Tage wieder so gesund wie ein Fisch. Zum Beweis wolle er nur dieses Geschwür berühren, so würde es gleich aufgehen und in ein paar Minuten heil sein.

Er thut’s und nach ein paar Minuten ist es heil. Ach, sagt die Prinzessin, sie wolle es nur sagen, sie hätte da einen Beutel und eine Wurzel, die hätte sie ihrem Mann geraubt; und giebt beides dem Doctor. Der nimmts und steckts bei. Da zieht er eine Kruke aus der Tasche, darin ist eine Salbe und giebt ihr das und spricht, davon sollte sie sich diesen Abend vor Zubettgehen eine Bohne groß auf die Schürfe wischen. Des Morgens darauf würde es erst etwas dicker und größer, ja auch schlimmer werden. Sie sollte sich aber nicht irre machen lassen, am dritten Morgen wäre alles weg und sie hätte ihr hübsches Gesicht wieder, und da geht er weg. Sie will ihm erst recht viel Geld geben, er aber sagt, für die Kleinigkeit könnte er nichts nehmen. Es würde ihn freuen, wenn sie seinem Rath folgte. Dann macht er sich aus dem Staube und lebt bis an sein Ende herrlich und in Freuden, hat sich aber um keinen Menschen weiter bekümmert. Der Alten giebt er die zwei Beutel hin, als er den ersten hat und da ist es ihm stets gut gegangen.

Die Prinzessin hat also das ganz pünktlich gethan. Vor Zubettgehen nimmt sie die Kruke und bestreicht damit ihr Gesicht und legt sich hin. Sie hat tüchtige Schmerzen. Des Morgens wie sie aufsteht, da schlagen die Kammerjungfern in ihre Hände, da hat die Prinzessin eine Nase, die ist gewiß einen halben Fuß lang und so feurig, daß man einen Schwefelstock daran hätte anstecken können. Sie freut sich aber und sagt; so müsse es erst kommen. Wischt wieder etwas daran und die Nase wächst den ganzen Tag länger und länger, des Abends ist sie schon einen Fuß lang. Sie freut sich und sagt, so müßte es kommen und wischt noch einmal was daran. Wie sie aber den andern Morgen aufwacht, da ist die Nase so lang, daß sie die Erde fast berührt. Nun wird ihr’s aber doch schwül und hat nichts wieder daran gewischt. Und die lange Nase hat sie behalten bis an ihr seliges Ende. So ist es gekommen, anstatt daß sie den Mannsleuten hat eine Nase drehen wollen, hat sie eine gekriegt, an der sie ihr Lebtag genug gehabt hat.

(von August Ey)

HMG23 – Der Venetianer

Was sonst alles passiert ist, und was die Leute sonst gekonnt haben, davon macht sich jetzt keiner eine Vorstellung. Vor Zeiten lebte in Lautenthal ein armer Bergmann, der war aber reich an Kindern, acht. Alle waren wie die Orgelpfeifen, dabei nackt und bloß und oft hatten sie nichts zu beißen und zu brechen.

Der Vater quälte sich genug um das tägliche Brot, schämte sich keiner Arbeit, war fleißig und thätig, mocht’s Nacht oder Tag sein, er that alles, was vorkam, wenn’s nur recht und ehrlich war. Schlechtigkeit mußte ihm aber vom Leibe bleiben, und wenn er auch mit Frau und Kindern hungern mußte, Unrecht that er nicht.

Im Frühjahr holte er einstmals Erbsenstiefel und verkaufte sie. Wie er nun im Walde war und sich zwei tüchtige Bunde zurecht gemacht hatte, wurde er müde. Es war ein heißer Tag. Er sucht sich also eine weiche Stelle unter einem Baum, wo schatten war und legt sich hin. Wie lange er da geschlafen hat, das weiß er nicht. Er wacht wieder auf, denn es weckt ihn Jemand und da steht ein Mann vor ihm, der ist recht freundlich und liebreich gegen ihn und frägt, wie es ihm gehe? Der Bergmann will erst nicht recht mit der Sprache heraus; er ist noch halb im Schlaf. Der Fremde wird immer zutraulicher und der Bergmann munterer und fängt auch an zu sprechen und sagt, ach, er hätte seine Noth. Er müsse für acht Kinder Brot schaffen, und dazu sei schlimme Zeit, wenig zu verdienen; da wisse man wohl, wie’s einem da gieng.

Der Fremde sagt, wenn du mir vertrauen willst, so kann ich dir helfen und du bist mit einem Male allem Leid entsprungen. Wenn das Gott gebe, sagt der Bergmann, so wolle er ihm auf seinen Knieen danken. Er wolle ja gerne Alles thun, wenn er nur aus seiner Noth kommen könnte. Nur müßte er nichts Unrechtes von ihm verlangen. Nein, sagt der Fremde, das verlange ich nicht von dir. Du vertraust mir also unbedingt. Ja, von Herzen gern, wenn ihr es gut mit mir meint. Das versteht sich von selbst, sagt der Fremde. So lege dich nur wieder hin und schlafe, dann wirst du sehen, wie’s kommt.

Der Bergmann ist noch herzlich müde und denkt auch, im Schlaf kann man nicht leicht sündigen und schläft ein. Wie lange er diesmal geschlafen hat, hat er wieder nicht gewußt. Als er wieder aufwacht, liegt er auf einem Bette von Sammt und Seide, in der Stube stehen an den Wänden die schönsten Geräthschaften, Kommoden, Tische, Stühle, Kanapees von blankem Holz und mit Sammt überzogen, die hübschesten Spiegel hängen an den Wänden in Goldrahmen, ebenso auch große Bilder mannshoch, als wenn sie leben. An der Thür stehen zwei Diener in Kleidern, die von Gold und Silber starren, und die gewartet haben, daß er aufwachen soll.

Wie nun der Bergmann seine Augen aufgeschlagen hat und sich verwundert über die Pracht und über alles, was er da sieht, da treten die Diener an’s Bett und fragen, ob der Herr gut geschlafen hätte. O, ja, sagt der Bergmann. Aber meine Herren, wo bin ich denn? In Venedig, sagt der eine Diener recht ehrfurchtsvoll. In Venedig? antwortet der Bergmann. Mein Himmel, wie komme ich denn dahin? Das wird der Herr schon wissen und erfahren, sagt der andere Diener. Dürfen wir beim Auffstehen helfen? Ach, antwortet der Bergmann, das bin ich nicht gewohnt. Ich kann allein auffstehen. Er steigt aus dem Bett und will sein Zeug anziehen, das ist aber fort, und die Diener ziehen ihm anderes an, viel schöneres, und putzen ihn ordentlich heraus, daß er aussieht, wie der vornehmste Herr; auch hat er sich aus einem silbernen Waschbecken waschen müssen; der Diener reicht ihm in cristallenem Krug Mundwasser, alles auf’s beste und feinste.

Der Bergmann verwundert sich in einem fort und schüttelt mit dem Kopfe, er weiß gar nicht, ist denn alles so in Wirklichkeit, oder träumt er nur. Hierauf fragen die Diener, womit sie ihm aufwarten könnten. Ach, sagt der Bergmann, ich habe Hunger im Kamisol, ich möchte gern was essen. Gleich laufen die Diener fort und es dauert nicht lange, so bringen sie ein Frühstück – besser kann’s der König nicht haben – sie tragen auch auf, daß der Tisch knackt.

Na, denkt unser Bergmann, wenn du doch iß’st und trinkst und wirst satt, so ist doch das kein Traum. Er setzt sich hin und ißt und trinkt bis er nicht mehr kann, denn es schmeckt ihm alles so gut, wie ihm noch nichts geschmeckt hat, der Braten und das schöne weiße Brot und dazu der starke Wein, der so feurig gewesen ist. Nun wird er dreister und frägt die Diener, wo denn ihr Herr stäcke und wer das wäre.
Eben wollten ihm die Diener antworten, da kommt der Herr zur Thür herein und das ist gerade der gewesen, der freundliche und liebreiche Mann, den der Bergmann dort bei Lautenthal gesehen und gesprochen, der ihm gesagt hat, er solle nur wieder einschlafen, dann würde sich’s weiter finden. Der kommt auf ihn zu, reicht ihm die Hand und frägt, na, wie gefällt dir es hier? O, sagt der Bergmann, wem sollte es hier nicht gefallen, aber meine armen Kinder und meine gute Frau! Eine Bitte hätte ich, sagt mir, wie bin ich hierher gekommen, und was habt ihr mit mir im Willen?

Ich will dich beglücken, spricht der Herr, wenn du mir vertraust. Doch will ich dir gleich beweisen, daß ich dich schon lange gekannt habe, daß ich von deiner Vergangenheit, deiner Gegenwart und daß ich deine Zukunft weiß. Tritt vor diesen Spiegel, darin wirst du sehen, wie es dir gegangen ist.

Als der Bergmann davor steht, sieht er sich, wie er seine jetzige Frau als Mädchen frägt, ob sie seine Braut werden wolle; dann, wie er sie als Braut in die Kirche führt und Hochzeit hat; und noch manches andere, was er schon längst vergessen hat, woran er aber gleich wieder denkt, und was ihm auch gleich einfällt. Vor Verwunderung kann er kein Wort sprechen. Da führt ihn der Herr zum zweiten Spiegel. Jetzt sieht er, wie seine Frau und Kinder zu Haus weinen, jammern und wehklagen um ihn; denn sie meinen, er ist todt. Das macht den Vater weichherzig, und die Thränen purzeln ihm über die Backen. Zuletzt muß er noch vor einen dritten Spiegel treten. Hier sieht er, wie er mit seiner Familie im großen Wohlstand lebt; dann aber auch, wie er durch Habsucht wieder in Armuth zurücksinkt.

Sieh, sagt der Venetier, das letzte wird nicht geschehen, wenn du mir folgen willst. Ach, ich will alles thun, was Ihr mir sagt, spricht der Bergmann, sagt nur, was soll ich thun. Willst du noch länger hier bleiben, so steht es dir frei, willst du aber nach Haus, so kann das auch geschehen, sagt der Herr. Ach ja, antwortet der Bergmann, ich will den Meinigen zu Hülfe kommen, ich kann nicht so lange das Elend ansehen, in dem sie sind. Sag nur, theurer Gönner, wie kann ich helfen. Darauf kriegt er zur Antwort: Wenn du nach Haus kommst, so grabe unter dem Baum, der in deinem Garten steht, ein Loch, zwei Fuß tief, bei Nacht, zwischen elf und zwölf Uhr. Dann wirst du darin eine gelbe Erde finden, davon drücke dir jedesmal zwei Kugeln, so groß, daß du sie mit beiden Händen umspannen kannst und trage sie nach Goslar und verkaufe sie an den Goldschmied. Du darfst aber nicht mehr, als die Woche zwei mal zwei Kugeln machen und verkaufen. Machst und verkaufst du mehr, so ist’s dein Unglück. Sieh, hier will ich dir auch noch etwas machen, das dir gleich auf die Beine hilft. Hier habe ich eine Erdart und da mehrere Flüssigkeiten, wenn ich davon etwas auf deine Erde gieße, nur ein paar Tropfen, und drehe dann in der Hand Kügelchen davon, so entstehen die schönsten Edelsteine. Er probirt es und giebt die so gemachten Edelsteine, die leuchten wie die Sonne, dem Bergmann zum Andenken und sagt, wenn du nach Goslar kommst, so bekommst du schweres Geld dafür. Der Bergmann bedankt sich mit Thränen im Auge aufs Herzlichste dafür, wickelt sie recht sorgfältig ein und steckt sie in die Tasche.

Nun spricht der Venetianer, komm laß uns noch ein wenig spazieren gehen. Du mußt doch auch sehen, wie es in Venedig ist. Des Abends spät kommen sie erst wieder nach Haus, und der Bergmann weiß gar nicht mehr, was er alles Schönes und Herrliches gesehen hat. Der Herr wünscht ihm gute Nacht. Die Diener sind dem Bergmann beim Ausziehen wieder behülflich, er muß sich wieder in das schöne Bett legen, und ist gleich vor übergroßer Müdigkeit eingeschlafen. Als er am andern Morgen aufwacht, liegt er wieder unter der Tanne. Erst meint er, er hat geträumt; greift aber gleich in seine Tasche, da stecken aber die beiden Edelsteine, die der Venetianer ihm gemacht und geschenkt hat. Nun packt er gleich auf und geht nach Goslar, verkauft sie und bekommt dafür schweres Geld. Jetzt macht er, daß er damit nach Haus kommt. Wie er in die Hausthür tritt, da stürzen ihm Frau und Kinder vor Freuden entgegen, hängen sich an seinen Hals, an seine Hände und Beine, daß er erst gar nicht zu Worte kommen kann. Dann geht’s an’s Fragen, ob er auch Geld mitgebracht hätte, sie wären alle hungrig, fast zum Verhungern. Nun wird gleich fortgeschickt und Brod und Fleisch gekauft und das erste Mal nach langer Zeit können sich Frau und Kinder satt essen. Das ist eine Freude und ein Jubel gewesen, wie nie zuvor.

Des Abends geht der Bergmann zwischen elf und zwölf Uhr in den Garten und findet Alles so wie der Venetier es gesagt hat. Lange Jahre ist der Bergmann folgsam und genügsam und wird ein grundreicher Mann. Doch am Ende fährt ihm der Geizteufel in den Kopf, er macht in einer Woche zum dritten Mal zwei Kugeln, und bringt sie nach Goslar. Als er mit voller Tasche zurückkommt, wird er müde, er mag wollen oder nicht, er muß sich unter eine Tanne legen und schläft ein. Da erscheint ihm der Venetier, weckt ihn auf und spricht: Siehst du, jetzt wirst du wieder arm werden, wie du früher gewesen bist. Das hast du von deiner Habgier. Und da verschwindet er. Und so wie der gesagt hat und wie es der Bergmann in dem Spiegel gesehen hat, so ist es auch gekommen. Da hat er noch am Ende verhungern müssen.

(von August Ey)

HMG14 – Die Geizige

Eine Frau aus Zellerfeld besucht einmal ihre Schwester in Lautenthal. Als sie hinkommt, hört sie, daß Tags zuvor aus dem Haus eine Frau begraben ist, die aber allgemein der Geizhals geheißen hat.

Die Lautenthäler hat keine Kammer weiter gehabt, ihre Schwester muß also in der Stube auf dem Canapé schlafen. Es wird nun Bettzeug herunter geholt, und ein Bett da zurecht gemacht.
Ja, spricht die Zellerfelder, die Geizige ist doch hier auf dem Canapé nicht gestorben? Nein, sagte die andere. Wo ließ ich dich denn sonst da schlafen? In gutem Glauben legt sich also jene auf das Bett, das zurecht gemacht ist. Die anderen gehn trepp auf; die Zellerfelder kann aber nicht einschlafen. Es schlägt zehn, es schlägt elf, und sie schmeißt sich von einer Seite auf die andere.

Wie es gerade ein Viertel auf zwölf schlägt, denkt sie, na, das ist die Geisterstunde, wenn nur die Geizige wegbleibt. Aber kaum hat sie es gedacht, da geht die Thür auf und herein kommt eine weiße Gestalt. Der Mond ist halb gewesen und hat in die Stube geschienen, daß man recht gut so etwas sah. Auch sind die Laden nicht zu gewesen. Die Gestalt kommt auf die Frau zu, die da liegt, schiebt den Tisch weg und faßt den Mantel (es ist der ihrige gewesen), mit dem die Zellerfelder zugedeckt ist und reißt ihn der weg; denn sie hat auch im Tode noch nicht leiden können, daß ihre Sachen gebraucht werden, wirft ihn in die Stube, kramt auch noch vor der Schublade herum und das alles mit schrecklichem Lärm und Spektakel, so daß der Zellerfelder der Angstschweiß ausbricht.

Endlich schlägt’s zwölf und mit dem letzten Schlag ist Alles weg und still. Bis dahin hat die Zellerfelder nicht sprechen und rufen können; sie hat’s versucht, es ist aber nicht gegangen. Nun kann sie aber rufen und schreit ihre Schwester wach, die kommt herunter und findet, wie sie herein kommt, den Mantel mitten in der Stube und auch das Zeug der Todten, das in der Schublade gelegen hat, auf der Erde herum liegen; sonst aber nichts weiter verändert. Von da an hat sich die Geizige nicht wieder sehen und hören lassen.

(von August Ey)

HMG07 – Der Hund

Es waren einmal zwei Brüder, der Eine, ein Advokat, war reich, geizig, verschmitzt und schlecht, er betrog die Leute, wo er nur konnte; der Andere, ein Schäfer, war arm, ehrlich und fromm. Der Arme ermahnte oft den Reichen und sagte: „Laß doch ab von deinem Lebenswandel und denke daran, daß du einmal sterben und Gott von allem Rechenschaft geben mußt, was du gethan hast.“ Der Reiche aber lachte und spottete darüber und sprach: „Ach geh’ mit deinen Reden; ich will mit deinem Gott schon fertig werden; ich habe schon viele Processe geführt und bin immer gut durchgekommen, diesen Proceß, der mir da noch bevorsteht, will ich auch wohl gewinnen,“ und was des überklugen und stolzen Geschwätzes noch mehr war.

Es kam aber die Zeit, daß der Reiche starb. Als er nun begraben war, saß der Schäfer des Abends einmal bei seiner Heerde und dachte darüber nach, wie es seinem verstorbenen Bruder wohl gegangen sein möchte, ob er jetzt glücklich und selig, oder verdammt wäre. In Gedanken vertieft, wird er einen großen schwarzen Hund gewahr, der an der Grenze der Wiese herauf auf ihn zukommt. Nach einigen Minuten steht das Thier kopfhängend und demüthig vor dem Hirten und sieht den Dasitzenden an. Der Schäfer wundert sich über das sonderbare Benehmen des Thieres und spricht, ohne eine Antwort zu erwarten: „Wo kommst du denn her, was willst du?“ Der Hund aber antwortet: „Ach Bruder, hätt’ ich dir doch gefolgt! Als ich vor Gottes Thron kam, war mein Urtheil schon bestimmt, war der Fluch über mich schon ausgesprochen, und nun kann ich nicht eher selig werden, bis das Geld, um welches ich die Leute betrog, was ich unrecht erworben habe, wieder an seine rechtmäßigen Herren gekommen ist.“ Hierauf giebt der Hund – der, beiläufig bemerkt, der verstorbene Advokat war – seinem Bruder die Namen derer an, welche er um das Geld betrogen hatte, und sagt ferner, daß der ganze Schatz in seinem Garten unter dem großen Kirschbaum verborgen läge und bittet den Hirten, das Geld an die rechtmäßigen Herren zurück zu geben. Der Schäfer erfüllt treu die Wünsche seines verstorbenen Bruders und vertheilt das übrig gebliebene Geld, zu welchem sich keine Herren gefunden hatten, unter die Armen. Darauf hat sich der Hund nicht wieder sehen lassen.

(von August Ey)