HMG08 – Die Königstochter ein Schmetterling

In einem schönen Schloße hier am Harze wohnte eine Königin mit ihrer Stieftochter. Der König war todt und hatte das Mädchen seiner zweiten Frau auf die Seele gebunden, daß sie sich seiner annähme, und es gut hielte. Wie aber der Vater todt war, da waren auch dem Mädchen seine guten Tage aus und doch war es so gut und so fromm, dabei wie Milch und Blut, ja so schön, wie es noch kein Mädchen auf der Welt gegeben hatte. Das rührte aber alles die böse Stiefmutter nicht, sie that Tag für Tag dem guten Kinde mehr zu leid, ja es bekam auch sogar Schläge auf seinen Rücken, und auf seine wunderlieblichen Backen, daß ihm die Thränen davon fielen. Das hielt es alles ruhig aus, es wiedersprach nicht, es widersetzte sich nicht, es blieb sanft und gut, aber sein Herz schwamm ständig in Thränen. Wer das sah, dies Elend, der mochte noch so hart sein, dem wurde das Herz weich. Ein jeder hätte gerne dem unglücklichen Kinde geholfen, sie konnten aber nicht; denn die Königin hatte das Regiment ganz allein, und wehe dem, wer etwas ihr darüber gesagt oder tethan hätte. So mußte denn das arme Kind sein Leid tragen. Alle Mittag durfte es eine halbe Stunde spazieren gehen auf der Wiese, die bei dem Schloße war, da weinte es sich denn recht dick und satt und oft war es, als wollte ihm sein gutes Herz brechen. Ach, wie manch heißes Gebet that es hier, wie oft sah’s nach dem Himmel, wo sein guter Vater war, wie klagte es da dem lieben Gott seine Noth und bat zuletzt, er möchte es doch von der Welt und zu seinem Vater in den Himmel nehmen, damit es von seiner bösen Stiefmutter wegkäme. So war denn manches Jahr darüber hingegangen, es lebte aber immer noch und trug sein Unglück mit Geduld. Einen Trost hatte es, das war sein gutes Gewissen und eine Hülfe, sein Gebet, die hielten es, daß es nicht ganz verzweifelte, sondern Muth behielt. Nach einem recht schönen Tage, wo es wieder tüchtig von der Stiefmutter ausgezankt und geschlagen war, gieng es wieder auf die Wiese hinaus, und betete heute recht inbrünstig zu Gott, er möge es doch aus dieser Jammerhöhle zu sich nehmen, er möge sich seiner doch endlich erbarmen. Da hörte es auf einmal eine Stimme, es war, als käme sie vom Himmel, die sagte: „Warte bis diesen Abend.“ Ruhig gieng es zu Haus, that seine Arbeit, heute schneller und viel besser noch, als sonst, und dann gieng es in sein Kämmerlein, betete erst noch einmal recht ordentlich und wollte sich dann auf sein Bett legen und dachte, darnach ständ es nicht wieder auf. Es kam aber anders. Als es mit Beten fertig war, that sich die Thür auf und herein kam ein kleines graues Männlein und sprach: „Dein Gebet ist erhört, du sollst errettet werden. Du sollst der schönste Schmetterling werden, du sollst dich an Blumenduft und Honigseim laben und Niemand soll dich verfolgen und fangen dürfen, als deine böse Stiefmutter, die aber soll in eine häßliche Nachteule verwünscht werden und bestimmt sein, dich bei Tag zu verfolgen und von den andern Vögeln gejagt und gepeinigt zu werden.“ In dem Augenblick war das liebliche Mädchen der wunderschöne Schmetterling, und das graue Männchen war verschwunden. Der Schmetterling flog durch das Fenster, das noch offen war und suchte sich auf einem Baumblättchen eine Stelle zum schlafen. Eben hatte er sich aber zurecht gesetzt, so hörte er einen Ton, der klang wie der einer Nachteule und richtig, die kam daher geflogen, konnte den Schmetterling aber nicht gewahr werden, weil er im Laube saß. Die Eule setzte sich auf einen andern Baum und heulte und winselte die ganze Nacht. Der Schmetterling hörte es und dachte, das ist deine böse Stiefmutter. Hätte sie dich nun besser behandelt, so wäre es so nicht gekommen. Als es Morgen geworden war und die Sonne schien über Berg und Thal, da flog der Schmetterling auf und in den Blumengarten, von einer Blume zur andern und freute sich seines Lebens; denn die Blumen rochen so schön und sahen so schön aus, und hatten auch alle schönen Honigseim, daß sich der Schmetterling recht satt trinken konnte. Es dauerte aber nicht lange, so kam die böse Nachteule und wollte den Schmetterling fangen. Doch der sah früh genug die Eule und flog weg und war unter den Blumen verschwunden. Als ihn die Eule noch suchte, kamen denn die Schwalben und die Bachstelzen und stachen und jagten die Eule von einem Fleck zum andern, bis sie am Ende in ein Tiefes Loch, das in der Mauer war, retirirte. Die Vögel schwirrten noch immer davor herum und ließen sie nicht heraus. Da konnte der Schmetterlin wieder hübsch umherfliegen, und so gieng es den ganzen Sommer. Als es aber anfieng kalt zu werden, dakam gerad einmal ein Prinz auf das Schloß und wollte von hier in den Harz auf die Jagd gehen. Da flog der Schmetterling im Garten umher, und der Prinz war auch gerade im Garten. Mit einmal kam die Eule angeschossen und faßte den Schmetterling und wollte ihn zerreißen. Da stürzte aber gleich der Prinz darauf los, der sich den Schmetterling schon längst gewünscht hatte und packte die Eule und drehte ihr den Hals um. In dem Augenblick aber, daß der Schmetterling von der Eule berührt war, war es wieder das liebliche hübsche Mädchen geworden. Der Prinz verwunderte sich, reichte ihr die Hand, und sie wurde seine Frau. Nachher hat sie ihm ihre Geschichte erzählt und sie haben lange Jahre mit einander gelebt; da hat’s die Prinzessin gut gehabt bis an ihr Ende. auWqos76gbs1lmdpshd525hDoUocdPu1c7Yqzxm

(von August Ey)

HMG03 – Hanskuehnburg

Zu der Zeit, als noch Wölfe und Bären hier am Harz allein Herren gewesen sind und alles dicker Urwald war, bringt ein Mann, Hans Kühn hat er geheißen und in Herzberg gewohnt, seine beiden Pferde nach dem Bruchberg in die Weide. Da es damals noch viel Wildpret hier gegeben hat, so haben jene Fresser sich daran was zu gute getan und selten andere Tiere und noch weniger Menschen angefallen. Deshalb hat Hans Kühn sich und seine Pferde für sicher gehalten und ist dreist darauf in den Harz hinauf geritten.

Dort angekommen, wo jetzt noch der Felsen steht, der die Hans Kühnburg heißt, kommt aber eine Schar Wölfe aus dem Dickicht mit furchtbarem Geheule und mit schrecklicher Eile auf ihn zugestürzt, dass er in seiner Herzensangst vom Pferde hinunter springt und so schnell als möglich auf die Spitze des Felsens klettert. Er ist auch so glücklich, hinauf zu kommen. Von dort oben ab sieht er aber nun dem Kampf der Wölfe mit den Pferden zu.

Die Pferde stellen sich mit den Köpfen zusammen und schlagen kräftig hinten aus, um sich so gut wie möglich zu wehren. Die Menge der Feinde ist aber zu groß, und die Bestien sind zu flink. An ein Entlaufen ist nicht zu denken gewesen; die Ungeheuer kreisen die armen Tiere enger und enger ein, bis sie sie zuletzt zerfleischt und getötet haben. Darüber kommt der Abend und die Sonne geht herrlich unter, da oben aber sitzt von großer Angst und Bangigkeit gequält noch immer unser Hans Kühn und darf seine Burg, die ihn schützt, nicht verlassen; denn die Wölfe umkreisen noch immer den Felsen und bewachen ihn dort ohne abzulassen.

Es wird vollkommen Nacht und die Bestien verlassen den Felsen nicht. Der Morgen kommt, der Abend bricht wieder herein, und noch immer sind die Bestien da. Der dritte Morgen beginnt zu leuchten und die Wölfe gehen nicht weg, desto schlimmer wird aber der arme Mann von Durst und Hunger und von Angst und Not gequält. Alles Rufen, alles Schreien, Fluchen und Beten hat nicht geholfen und er nimmt sich vor, lieber hier oben zu verhungern, als sich von den Tieren zerreißen zu lassen.

In der dritten Nacht, als er es nicht mehr aushalten kann, da er fast ohnmächtig zur Erde sinkt, fängt er nochmals an, recht herzhaft um Hilfe zu beten und siehe da, eine große Ohreule kommt aus den Felsen zugeflogen, setzt sich bei ihm nieder und hat eine Rute im Schnabel, welche sie vor sich auf die Erde legt. Nachdem sie sich zurecht geschüttelt und ihre Federn in Ordnung gebracht hat, fängt sie an, in einem tiefen Basston an zu reden: Du unvorsichtiger Mensch, warum bist du so dummdreist gewesen und hast dich ohne Waffen hier in diese unsichere und gefährliche Gegend gewagt. Eigentlich müsstest du hier verhungern und dein Fleisch von den Raaben verzehren lassen; doch dein und deiner Frau und Kinder Gebet ist zu herzlich und innig gewesen, darum bin ich da, dir zu helfen. Siehe, diese Rute, die ich dir mitgebracht habe, bringt dich durch die Gefahren hindurch, welche dir durch die reißenden Wölfe bereitet werden.

Er greift gleich danach und er fühlt neue Kraft in seine matten Glieder, er fühlt auch neuen Mut und eine Belebung des Leibes, wie er sie zuvor nie gekannt hat.

Nimm das Kleinod in Acht! ruft ihm die Eule im Wegfliegen zu und ist verschwunden. Er aber hat die verhängnisvolle Rute in der Hand und traut kaum sich selbst und dem, was er gehört und gesehen hat. Mit dem Zauberstab bewaffnet, steigt er von seinem Felsen herunter und geht dreist seinen Weg entlang und die Wölfe gehen ihm, ihrem Feind, aus dem Wege.

(von August Ey)

Hanskühnburg

HanskühnburgZu der Zeit, als noch die Wölfe und Bären hier am Harz allein Herren gewesen sind und alles dicker Urwald war, bringt ein Mann, Hans Kühn hat er geheißen und in Herzberg gewohnt, seine beiden Pferde nach dem Bruchberg in die Weide. Da es damals noch viel Wildpret hier gegeben hat, so haben jene Fresser sich daran was zu gute getan und selten andere Tiere und noch weniger Menschen angefallen. Deshalb hat Hans Kühn sich und seine Pferde für sicher gehalten und ist dreist darauf in den Harz hinauf geritten.

Dort angekommen, wo jetzt noch der Felsen steht, der die Hans Kühnburg heißt, kommt aber eine Schar Wölfe aus dem Dickicht mit furchtbarem Geheule, mit schrecklicher Eile auf ihn zugestürzt, dass er in seiner Herzensangst vom Pferde hinunter springt und so schnell als möglich auf die Spitze des Felsens klettert. Er ist auch so glücklich, hinauf zu kommen. Von dort oben ab sieht er aber nun dem Kampf der Wölfe mit den Pferden zu.

Die Pferde stellen sich mit den Köpfen zusammen, schlagen kräftig hinten aus als möglich zu wehren. Die Menge der Feinde ist aber zu groß, und die Bestien sind zu flink. An Entlaufen ist nicht zu denken gewesen; die Ungeheuer kreisen die armen Tiere enger und enger ein, bis sie sie zuletzt zerfleischt und getötet haben. Darüber kommt der Abend heran und die Sonne geht herrlich unter, da oben aber sitzt von großer Angst und Bangigkeit gequält unser Hans Kühn und darf seine Burg nicht verlassen, die ihn schützt; denn die Wölfe umkreisen noch immer den Felsen und bewachen ihn dort ohne abzulassen.

Es wird vollkommen Nacht und die Bestien verlassen den Felsen nicht. Der Morgen kommt, der Abend bricht wieder herein, immer sind sie noch da. Der dritte Morgen beginnt an zu leuchten und die Wölfe gehen nicht weg, desto schlimmer wird aber der arme Mensch von Durst und Hunger, von Angst und Not gequält. Alles Rufen, alles Schreien, Fluchen und Beten hat nicht geholfen und er nimmt sich vor, lieber hier oben zu verhungern, als von den Tieren sich zerreißen zu lassen.

In der dritten Nacht endlich, da er es nicht mehr aushalten kann, da er fast ohnmächtig zur Erde sinkt, fängt er nochmals recht herzhaft um Hilfe an zu beten und sie da, eine große Ohreule kommt aus den Felsen zugeflogen, setzt sich bei ihm nieder und hat eine Rute im Schnabel, welche sie vor sich auf die Erde legt. Nachdem sie sich zurecht geschüttelt und ihre Federn in Ordnung gebracht hat, fängt sie an in einem tiefen Baßton an zu reden: Du unvorsichtiger Mensch, warum bist du so dummdreist gewesen und hast dich ohne Waffen hier in diese unsichere und gefährliche Gegend gewagt. Eigentlich müsstest du hier verhungern und die Raben dein Fleisch verzehren; doch dein und deiner Frau und Kinder Gebet ist zu herzlich und innig gewesen, darum bin ich da, dir zu helfen. Siehe, diese Rute, die ich dir mitgebracht habe, bringt dich durch die Gefahren hindurch, welche dir durch die reißenden Wölfe bereitet werden.

Er greift gleich danach und er fühlt neue Kraft in seine matten Glieder, er fühlt neuen Mut und eine Belebung des Leibes, wie er sie zuvor nie gekannt hat.

Nimm das Kleinod in Acht! ruft ihm die Eule im Wegfliegen zu und ist verschwunden. Er aber hat die verhängnisvolle Rute in der Hand und traut sich selbst kaum und dem, was er gehört und gesehen hat. Mit dem Zauberstab bewaffnet, steigt er von seinem Felsen herunter und geht dreist seinen Weg entlang und die Wölfe gehen ihm, ihrem feind, aus dem Wege.

(von August Ey)