HMG24 – Der Hexenritt

Ein Bergmann hat immer darüber gespottet, wenn die Leute gesagt haben, die Hexen reiten nach dem Brocken in der Walpurgisnacht. Öfter hat er dann gesagt, wenn mir nur einmal solch ein altes Tier in die Quere käme, ich wollte sie schmeißen, sie sollte die Beine aufkehren! Was will denn solch ein Gerippe von einem alten Weibe, dass nur aus Haut und Knochen zusammengesetzt ist, gegen unser einen.

Na, na, sagt oft die alte Nachbarin, die nebenan gewohnt hat: Napper, Napper, su was lächtes iss es doch net, sune Reiterin obzeschmeißen, nammt ich an Wulperscheband in Acht. Possen, nicht als Possen, hat er dann gesagt. Ich will ihr’s schon geben, dass ihr das Reiten vergehen will. Darauf hat die Alte geschwiegen.

Nun kommt der Walpurgisabend, den Abend wird knollig geschossen, es ist gewesen, als wenn der Feind angekommen ist. Mit Katzenköpfen, Flinten, Büchsen und Pistolen. Jedes hat sein Knalleisen an dem Abend tüchtig gebraucht, und je stärker das es geknallt hat, desto mehr hat man sich darüber gefreut. Den Abend, es ist so gegen neun gewesen, muss der Bergmann anfahren. Er hat Order gekriegt, im Schacht hat’s gebrochen, er soll dem Ausrichter helfen.

Fliegende Hexe greift MannWie er nun auf die Bremerhöhe kommt, da kommt denn ein Schwarm alte Weiber angesaust durch die Luft; das ist ein Geschrei und Gejohl’ gewesen, als wenn alle Teufel los sind. Eine kommt herunter, stülpt den Bergmann um, er mag wollen oder nicht und gleich auf ihn, und da geht’s durch die Luft fort hinter die Anderen her nach dem Brocken.

Er kann kaum atmen, dabei ist dass alte Weib so schwer, dass es ihm die Knochen fast eindrückt. Um elf kommen sie auf dem Brocken an, da wird er erlöst, sie steigt ab und der Bergmann fällt halb tot auf die Erde. Da umzingeln ihn nun die anderen Hexen und tanzen um ihn und der Teufel ist auch dazwischen; dann richten sie ihn auf und fragen ihn, ob er nun schweigen könne oder ob er in Öl gebraten werden wollte. Wer will sich aber gern in Öl braten lassen; er sagt, er wolle nichts wieder sagen von den Herrn. Da spricht der Teufel, wenn er sich aber je ein Wort verlauten ließe, so wäre er ein Kind des Todes. Da oben haben die Hexen denn aber eine Schande getrieben, das darf man gar nicht sagen.

Wie es nun so gegen zwölf hinkommt, da macht sich der ganze Schwarm wieder auf und die eine Hexe kriegt unseren Bergmann wieder her, setzt sich darauf und nun geht’s wie unsinnig durch die Luft und zurück bis nach Bremerhöhe bei Clausthal. Auf der Stelle, wo ihn das Hexenweib gefasst hat, da geht es wieder nieder und er ist frei. Ein paar Stunden hat er erst gelegen und hat sich erholen müssen, dann kriecht er langsam nach Haus.

Seine Frau ist schon wieder aufgestanden und will eben fort in den Wald und eine Tracht Holz holen, als er nach Haus kommt. Ach Frau, sagt er, bleib da. Ich hab eine schlechte Nacht gehabt. Geh hinaus in die Küche und leg ein bisschen Holz in den Ofen, ich habe geschwitzt, dass ich mich umziehen kann. Sie geht hinaus und tut es. Da erzählt er dem Ofen sein Schicksal; seine Frau steht am Ofen beim Einheizen und hört es. Kommt herein, sagt aber nichts. Eine halbe Stunde danach kommt auch das alte Weib, die Nachbarin und spricht: Es wäre sein Glück, dass er es beim Ofen und seinem Menschen erzählt hätte, sonst sollte er sehen, wie es ihm ginge.

Da wissen sie, dass dies eine Hexe gewesen ist. Die Frau geht hin und sieh, die infame Hexe wird verbrannt, da ist ihr gerade Recht geschehen.

(von August Ey)