HMG36 – Die Hexen von Clausthal

In der Walpurgisnacht reiten die Hexen nach dem Brocken, manche in Katzengestalt. Einmal kehrten eine Frau und ein junges Mädel am Abend des 30. April nach Clausthal zurück. Sie trugen alle beide eine schwere Kiepe und machten eine Pause an einer Wegeskreuzung. Da kam mit einem male ein großer Trupp Katzen, die nach dem Brocken zogen. Das Mädel kroch vor Angst hinter die Alte. Eine der Katzen trat aus dem Haufen und gab der Alten den Befehl, sie sollte dem Steiger Liebhardt seiner Frau sagen, sie dürfte den Tanz nicht versäumen. Die Alte tat wie ihr gesagt und rief denn vor dem Steiger seinem Haus: „Frau Liebhardt, sie sollten den Tanz nicht versäumen“. Da kam dem Steiger seine Frau als fette schwarze Katz aus dem Haus gesprungen und sauste um die Ecke, nach dem Brocken zu.

HMG34 – Der Wundervogel

Ein Nachtschichter, der im Spiegelthaler Pochwerk arbeitet und eben untergeschürt hat, setzt sich an einem schönen Sommerabend vor das Pochwerk auf die Bank und verzehrt sein Abendbrot. Die Tannen riechen so angenehm, und die Vögel singen so schön, daß es eine wahre Lust ist, da so allein zu sein. Als der Nachtschichter so recht vergnügt über das alles ist und sich über die Welt freut, die der liebe Gott so schön gemacht hat, kommt ein Vogel geflogen und legt sich dem Nachtschichter gegenüber auf einen Tannenzweig; dann hüpft er näher zu dem Nachtschichter. Es ist, als wolle er sich ordentlich sehen lassen. Als aber dieser aufsteht und dem Vogel näher kommt, da fliegt das Thierchen fort und ist in den Tannen verschwunden. Am andern Abend nimmt der Nachtschichter etliche Leimruthen mit an die Arbeit, bindet dann eine starke an eine lange Stange und denkt damit den Vogel zu ergattern, wenn er wieder käme. Anfänglich läßt der Wundervogel lange auf sich warten, am Ende erscheint er; als aber der Nachtschichter ihm mit der Leimruthe nahe kommt, zieht er sich zurück und verschwindet wieder im Tannenwald. So geht’s drei Tage. Am dritten Abend Lockt der Vogel den Nachtschichter den Berg hinauf und da läßt er sich fangen. Kaum hat ihn aber der Nachtschichter in der Hand, so verwandelt sich der Vogel in eine wundersam schöne Jungfrau, die sieht ihn so freundlich, so herzinnig an und spricht: Ich sehe aus der Mühe, die Du dir meinetwegen gegeben hast, daß Du mich gern haben willst, küsse mich, so bin ich erlöst, und Du wirst glücklich Dieser aber ist blöde und schüchtern, wagt die schöne vornehme Dame, die in grünem seidenen Kleide vor ihm steht, nicht anzurühren, noch viel weniger zu küssen und zieht sich scheu und langsam zurück. Sie seufzt und bittet und sieht ihn so flehentlich an; er ist aber so dumm und erfüllt ihren Wunsch nicht. Da geht sie weinend fort und verschwindet mit einem Seufzer im Walbe. Kaum ist sie verschwunden, so fängt ihn sein Betragen an zu reuen, er wendet um, sucht sie, sie ist aber nirgends zu finden. Aus Gram, daß er das hübsche Mädchen nicht erlöst hat, wird der Nachtschichter krank und in neun Tagen ist er todt. In seiner Krankheit hat er die Geschichte erzählt. Bei der Beerdigung folgten viele junge Mäbchen der Leiche, und als der Sarg hinabgelassen wird, kommt ein wunderschöner Vogel aus der Luft herab und fällt mit einem herzzerreißenden Pfiff in das Grab hinein. Alle Folger haben’s gehört und gesehen. Das ist wahrscheinlich das unglückliche Mädchen gewesen und dadurch wird sie auch erlöst sein.

HMG32 – Nur eine Katze

Ein Maurer kam eines Abends von seiner Arbeit zurück, und da es warm und der Weg lang und staubig war, so dürstete ihn sehr. Endlich sah er eine kleine Hütte, die, wie er wusste, einer alten, unfreundlichen Frau gehörte. Trotzdem trat er ein und bat sie um ein Glas Wasser. Was! schrie das Weib, ein Glas Wasser? Mach, dass Du fortkommst, Du Vagabund, in einer halben Stunde kommst Du an einen See, da trink, und sie schlug ihm die Türe vor der Nase zu. Die Frau ist schlimmer als ich dachte, sagte der Mann zu sich, das ist doch geradezu grausam, einem durstigen Menschen ein Glas Wasser zu verweigern.

Als er nach Hause kam, fand er, dass seine Frau ein gutes Essen für ihn gekocht hatte. Alles war sauber und behaglich und er setzte sich zufrieden an den Tisch. Da trat sein Nachbar ein, den er sehr gern hatte. Der Mann lud ihn zum Mitessen ein und erzählte ihm dann sein Erlebnis. Während seiner Erzählung kommt eine Katze herein und miaut anhaltend. Jag’ doch das dumme Tier fort, sagte der Maurer zu seinem Sohn, es macht ja einen abscheulichen Lärm.Ich glaube es ist durstig, Vater, erwiderte der Knabe. – Ach was, durstig. Dann kann es wo anders hingehen und trinken, marsch fort! und damit gab er dem armen Tiere einen Stoß.

Der Nachbar sah ihn lächelnd an. Mir scheint, Du ahmst der alten Frau, von der Du erzähltest, vortrefflich nach, sagte er. Wieso meinst Du das? Nun, Du sagtest ganz dasselbe zur Katze, wie sie zu Dir gesagt hat. Aber ich bitte Dich, lieber Freund, man kann doch einen Menschen nicht mit einer Katze vergleichen. Ach, sagte der Nachbar in ernstem Ton, sprich nicht so. Da ist ein durstiges Tier, es bittet Dich, ihm etwas zu trinken zu geben, ganz wie Du es bei der Frau getan; und Du jagst es fort. Die Tiere leiden doch eben so unter dem Durst, wie die Menschen. Wo ist da ein Unterschied? Aber weshalb kann die Katze nicht um etwas bitten, ohne solch abscheuliches Geschrei dabei zu machen? erwiderte der Mann, doch blickte er dabei zur Seite, denn er schämte sich. Nun, wenn Du Dich mehr um sie kümmerst, könntest Du ihr das leicht abgewöhnen. Mein Kater, wenn er etwas von mir haben will, legt seine Pfote auf mein Bein und sieht mich an. Man muss nur freundlich und geduldig mit den Tieren sein, dann tun sie alles, was wir wünschen. Ein hilfloses Geschöpf zu haben und es nicht zu pflegen, ist ein großes Unrecht. Und sieh, welch ein schlechtes Beispiel für Deine Kinder; auch sie lernen grausam und achtlos gegen Tiere zu sein, und wenn sie älter werden, so sind sie es auch gegen Menschen, vielleicht gegen Dich selber.

Unbekannter Autor, Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 1913, Seite 40