HMG32 – Nur eine Katze

Ein Maurer kam eines Abends von seiner Arbeit zurück, und da es warm und der Weg lang und staubig war, so dürstete ihn sehr. Endlich sah er eine kleine Hütte, die, wie er wusste, einer alten, unfreundlichen Frau gehörte. Trotzdem trat er ein und bat sie um ein Glas Wasser. Was! schrie das Weib, ein Glas Wasser? Mach, dass Du fortkommst, Du Vagabund, in einer halben Stunde kommst Du an einen See, da trink, und sie schlug ihm die Türe vor der Nase zu. Die Frau ist schlimmer als ich dachte, sagte der Mann zu sich, das ist doch geradezu grausam, einem durstigen Menschen ein Glas Wasser zu verweigern.

Als er nach Hause kam, fand er, dass seine Frau ein gutes Essen für ihn gekocht hatte. Alles war sauber und behaglich und er setzte sich zufrieden an den Tisch. Da trat sein Nachbar ein, den er sehr gern hatte. Der Mann lud ihn zum Mitessen ein und erzählte ihm dann sein Erlebnis. Während seiner Erzählung kommt eine Katze herein und miaut anhaltend. Jag’ doch das dumme Tier fort, sagte der Maurer zu seinem Sohn, es macht ja einen abscheulichen Lärm.Ich glaube es ist durstig, Vater, erwiderte der Knabe. – Ach was, durstig. Dann kann es wo anders hingehen und trinken, marsch fort! und damit gab er dem armen Tiere einen Stoß.

Der Nachbar sah ihn lächelnd an. Mir scheint, Du ahmst der alten Frau, von der Du erzähltest, vortrefflich nach, sagte er. Wieso meinst Du das? Nun, Du sagtest ganz dasselbe zur Katze, wie sie zu Dir gesagt hat. Aber ich bitte Dich, lieber Freund, man kann doch einen Menschen nicht mit einer Katze vergleichen. Ach, sagte der Nachbar in ernstem Ton, sprich nicht so. Da ist ein durstiges Tier, es bittet Dich, ihm etwas zu trinken zu geben, ganz wie Du es bei der Frau getan; und Du jagst es fort. Die Tiere leiden doch eben so unter dem Durst, wie die Menschen. Wo ist da ein Unterschied? Aber weshalb kann die Katze nicht um etwas bitten, ohne solch abscheuliches Geschrei dabei zu machen? erwiderte der Mann, doch blickte er dabei zur Seite, denn er schämte sich. Nun, wenn Du Dich mehr um sie kümmerst, könntest Du ihr das leicht abgewöhnen. Mein Kater, wenn er etwas von mir haben will, legt seine Pfote auf mein Bein und sieht mich an. Man muss nur freundlich und geduldig mit den Tieren sein, dann tun sie alles, was wir wünschen. Ein hilfloses Geschöpf zu haben und es nicht zu pflegen, ist ein großes Unrecht. Und sieh, welch ein schlechtes Beispiel für Deine Kinder; auch sie lernen grausam und achtlos gegen Tiere zu sein, und wenn sie älter werden, so sind sie es auch gegen Menschen, vielleicht gegen Dich selber.

Unbekannter Autor, Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 1913, Seite 40