HMG22 – Der Zauberring

Ein Bergmann hatte lange Weile. I, denkt er, du gehst hinaus in den Wald und holst dir ein Schulterstück d.h. eine Stange Holz. Die Pfeife wird angesteckt, Taback in Beutel gethan und nun soppt er langsam die Schulenberger Höhe hinauf und in den Wald hinein. Dort weiß er zwei trockene Bäume, von grünen darf er nichts, sonst kriegte er mit dem Förster Krakeel. Er kommt bald hin; aber es steht nur noch ein trockener Baum und der andere ist ein Apfelbaum und daran hängen mehrere Äpfel.

Spaßes halber mußt du dir doch einen Apfel davon mitnehmen; denn Apfelbäume im Tannenwald, das ist eine große, eine sehr große Seltenheit hier auf dem Harze, denkt er. Er schlägt sich also einen Apfel mit einer Stange ab und steckt ihn bei, darauf macht er sich sein Schulterstück zurecht, huckts auf und geht nach Haus. Im Holzschauer setzt er’s in die Ecke, und denkt, morgen holst du dir noch eins und so alle Tage bis zum Sonnabend, dann schneidest du’s und kriegst dann schon ein artig Theil Winterholz, dann geht er in die Stube, holt seinen Apfel aus der Tasche und will ihn essen. Als er hineinbeißt, kommt er auf etwas hartes, und sieh, es steckt ein goldner Ring darin.

Hättest du dir doch alle Äpfel abgeschlagen, so hättest du heute genug verdient. Es ist wohl noch Zeit; gleich macht er sich noch einmal fort, ist auch bald wieder dort. Aber wer nicht dort ist, das ist der Apfelbaum mit seinen Äpfeln. Nimmst du dir ein Schulterstück wieder mit, so hast du doch etwas für deinen Weg. Er steckt den Ring an den Finger, bisher hat er ihn in der Hand gehabt und oft besehen und sich darüber gefreut. Nun steckt er ihn an; denn sonst wäre er ihm im Wege gewesen. Er ladet wieder auf und fort geht’s nach Haus.

Unterwegs begegnen ihm Leute, die laufen weg; er weiß aber nicht, warum. Wie er nach Zellerfeld kommt, laufen die Alten und die Jungen vor ihm weg; er weiß nicht, warum. So geht’s auch, als er auf den Hof kommt, und seine Kinder sind da, die laufen in’s Haus; er weiß aber noch nicht, warum. Zuletzt geht er in die Stube, wo seine Frau und seine Kinder sind, er frägt: Warim laft ihr denn vor mer wack? Da wollen sie auch alle wieder ausreißen. Er riegelt aber gleich die Thür zu. Da klärt sich’s auf. Sie hören ihn wohl, können ihn aber nicht sehen; das ist so schaurig gewesen.

Da fällt ihm der Ring ein, er zieht ihn ab und da sehen sie ihn in der Stube stehen. Nun erzählen ihm seine Kinder, da wäre ein Stück Holz durch den Thorweg gekommen, das hätte in der Luft geschwebt und Niemand hätte es getragen, auch wär’ es so in den Holzstall gegangen und hätte sich in die Ecke gestellt und darum wären sie vor Furcht herein gelaufen; da in der Stube hätten sie seine Stimme gehört und ihn nicht gesehen, da wären sie noch banger geworden. Jetzt weiß er Bescheid, der Ring macht ihn unsichtbar. Er probiert ihn nun erst ordentlich und richtig, es ist so, wer ihn anzieht, der ist gleich unsichtbar. Damit hat der Bergmann denn Manches belauscht und hat vieles gesehen, was andere nicht gesehen haben.

Als er aber todt gewesen ist, da ist auch der Ring weg gewesen.

(von August Ey)

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