HMG16 – Der geheimnißvolle Gedingarbeiter

Lange Jahre haben ein paar Kameraden auf einem Geding gearbeitet und sich dabei nicht zu Tode gequält; besonders der eine, welcher immer später angefahren ist, als der andere, der’s nicht besser hat haben wollen. Ist er hinein gekommen, so hat sein Kamerad jedes mal schon so viel herausgehabt, daß große Felsmassen dagelegen haben, und mit Entzweischlagen und Aufräumen der Erze ist die Schicht zu Ende gebracht.

Bisweilen hat dann dieser den ersten wohl gefragt, wie er nur das so leicht heraus bringen könnte? Dann hat er aber zur Antwort gekriegt, das ginge ihm nichts an; er solle die guten Tage genießen und ihn deshalb nicht fragen, auch ihm nicht neugierig nachgehen oder belauschen. Thäte er das, so wäre es aus mit ihnen, und er müsse dann wieder den Bohrer gerben und was außerdem noch geschähe, würde sich finden.

So geht denn eine Woche, ein Quartal, und ein Jahr nach dem andern hin, ohne daß der später anfahrende Gedingarbeiter neugierig über des andern Thun wieder nachgedacht, vielweniger denselben beobachtet, oder belauscht hätte. Da aber ist es eines Morgens, daß er einen unwiderstehlichen Drang fühlt, aufstehen und anfahren zu müssen, ehe die gesetzte Zeit da ist. Er denkt gar nicht an das Verbot des Kameraden, zieht sich an und fort geht’s nach der Grube zu.

Das Licht wird angesteckt und mit einer Hast, als würde er an den Haaren fortgezogen, eilte er in den Schacht hinab und auf der Strecke fort, die zu seinem Gedinge führt. Dreißig Schritt von diesem entfernt, bleibt ihm aber vor Schreck der Athem stehen, denn er sieht einen wüthend großen Ochsen vor seinem Gedinge mit den gewaltigen Hörnern immer ins Gestein hinein rennen und große Felsstücke herauswühlen. Endlich steht das Thier einen Augenblick stille und neue Verwunderung: der Ochse verwandelt sich in einen Menschen und ist wieder der andere Kamerad.

Jetzt kann sich der Beobachter nicht mehr halten, er geht hin und spricht zu seinem Kameraden: Jetzt habe ich gesehen, wie du das harte Gestein herauskriegst; das ist kein Wunder, wer solche Kräfte und Zaubergewalt besitzt, der kann sich schon helfen. Doch der Zauberer antwortet: Wärest du nicht durch eine geheime Macht hierhergekommen, so würde ich dich schlimm behandeln müssen, doch da du unschuldig daran bist, so wird dein Vergehen nur dadurch bestraft, daß du von jetzt an deine Arbeit allein, und dein Geding mit großer Anstrengung heraus machen mußt. Es gehe dir wohl! Damit ist er verschwunden und Niemand hat gewußt, wo er geblieben ist.

Von der Zeit an hat aber der Gedingarbeiter seine Löcher bohren und sich sauer quälen müssen; da hat er denn oft gesagt, hätt’ ich doch meinen Kameraden noch, ich würde ihm nie nachgehen, ihn nie belauschen, mein Lebetag nicht; ja es sollten mich keine zehn Pferde dahin bringen.

(von August Ey)

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