HMG10 – Der beste Schuß

Es war einmal ein Bergmann, der schoß gern und konnte auch gut schießen. Nun war Freischießen in Goslar und da wollte er auch einmal sein Heil versuchen, ob er den reichen Goslarschen einige Thaler dabei abnehmen könne. Vorzüglich lag ihm daran, den besten Schuß zu thun und dann die Ehre davon zu haben; denn den besten Gewinn konnte er als Fremder nicht kriegen nach den Schützenregeln.

Er nimmt also sein Gewehr vom Nagel, es ist erst hübsch geputzt und rein gemacht, es blittert und blänkert und damit fort. Als er auf die hohle Kehle kommt, damals ist der Weg noch schrecklich schlecht gewesen, so sitzt da ein alter, schwacher Mann und schwitzt und ruht sich aus, dabei ist er ganz zerlumpt, und die bloße Haut guckt hie und da durch sein dünnes Zeug; die greisen Haare hängen unter seinem alten Hut vor, und die Hand und das Gesicht sind ganz abgezehrt und abgehagert. Ach, sagt dieser Alte: lieber Mann, gebt mir doch, um Gotteswillen, ein Almosen. Der Bergmann hatte ein gutes Herz, er griff in die Tasche und gab ihm die Hälfte von seinem ganzen Gelde, wofür er zwei Sätze schießen wollte. Der arme Mann schien vor Freude stumm zu werden und dankte recht herzlich für das große Geschenk, dabei sagte er: Ihr seid ein Schütze und wollt hinuter nach Goslar zum Schützenhof und mit schießen. Ich weiß es. Hier nehmt dies Gläschen und wenn ihr schießen wollt, so gießt daraus drei Tropfen auf das Visier. Dann ging er fort und der Bergmann nach Goslar.

Als er nach Goslar kam und eben schießen wollte, holte er erst sein Gläschen hervor und goß drei Tropfen auf´s Visier, legte dann an, und o Wunder, er hatte nun die weite Scheibe ganz dicht vor sich, so daß er nur auf den Nagel zu halten brauchte. Als es knallte, tanzte der Scheibenweiser und wollte gar nicht fertig werden. Der Bergmann hatte mitten auf den Nagel getroffen und den besten Schuß. So giengs mit jedem Schuß und der nahm ein ungeheures Geld mit nach Haus und hatte auch die Ehre, den besten Schuß gethan zu haben; so hatte er mehr auf den einen Satz, als er sonst auf zwei gehabt hätte.

Darnach nahm er sein Gewehr auf die Schulter und gieng mit vollen Taschen wieder nach dem Harz. Als er auf die Stelle kam, wo der Alte gesessen hatte, da saß er wieder und fragte: Na, wie ist es gegangen? Recht gut, sagte der Bergmann. Jetzt müßt ihr mir aber mein Fläschchen wiedergeben<&q>. Ja wohl sagte der Bergmann, holte es aus der Tasche und reichte es gleich dem Alten hin. Auch bedankte er sich dabei und sagte, so etwas hätte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen und erlebt. Das wäre ein köstliches Wasser. Wenn er das immer hätte, so sollte es nicht lange dauern und er wollte sich bald so viel zusammen schießen, daß er der reichste Mann würde. Darauf sagte der Alte: Weil du das Glas gleich so gutwillig mir wiedergeben willst, da du doch weißt, was es für einen großen Werth für dich hat, so sollst du es ganz behalten. Damit du aber weißt, wozu es noch gut ist, so habe ich dir noch nicht Alles gezeigt und gesagt, was man damit erzielen kann. Sieh, hier nahm er einen breiten Schieferstein auf, goß drei Tropfen aus dem Glas darauf und in dem Augenblick war der Stein in ein eben so großes Stück Silber verwandelt, das er dem Bergmann hinreichte. So kann man es auch gebrauchen. Das nimm zur Belohnung für deine Mildthätigkeit und gebrauche es ordentlich, aber mißbrauche es nicht, sonst ist es dir unter den Händen weg. Der Bergmann drückte dem Alten die Hand und in dem Augenblick war dieser verschwunden. Ganz überglücklich gieng der Bergmann nach Haus, brauchte das Glas nach der Vorschrift und ist so nach und nach zum reichen Mann und zum berühmtesten Schützen auf dem ganzen Harze geworden.

(von August Ey)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

eightundfifty + = sixty