HMG07 – Der Hund

Es waren einmal zwei Brüder, der Eine, ein Advokat, war reich, geizig, verschmitzt und schlecht, er betrog die Leute, wo er nur konnte; der Andere, ein Schäfer, war arm, ehrlich und fromm. Der Arme ermahnte oft den Reichen und sagte: „Laß doch ab von deinem Lebenswandel und denke daran, daß du einmal sterben und Gott von allem Rechenschaft geben mußt, was du gethan hast.“ Der Reiche aber lachte und spottete darüber und sprach: „Ach geh’ mit deinen Reden; ich will mit deinem Gott schon fertig werden; ich habe schon viele Processe geführt und bin immer gut durchgekommen, diesen Proceß, der mir da noch bevorsteht, will ich auch wohl gewinnen,“ und was des überklugen und stolzen Geschwätzes noch mehr war.

Es kam aber die Zeit, daß der Reiche starb. Als er nun begraben war, saß der Schäfer des Abends einmal bei seiner Heerde und dachte darüber nach, wie es seinem verstorbenen Bruder wohl gegangen sein möchte, ob er jetzt glücklich und selig, oder verdammt wäre. In Gedanken vertieft, wird er einen großen schwarzen Hund gewahr, der an der Grenze der Wiese herauf auf ihn zukommt. Nach einigen Minuten steht das Thier kopfhängend und demüthig vor dem Hirten und sieht den Dasitzenden an. Der Schäfer wundert sich über das sonderbare Benehmen des Thieres und spricht, ohne eine Antwort zu erwarten: „Wo kommst du denn her, was willst du?“ Der Hund aber antwortet: „Ach Bruder, hätt’ ich dir doch gefolgt! Als ich vor Gottes Thron kam, war mein Urtheil schon bestimmt, war der Fluch über mich schon ausgesprochen, und nun kann ich nicht eher selig werden, bis das Geld, um welches ich die Leute betrog, was ich unrecht erworben habe, wieder an seine rechtmäßigen Herren gekommen ist.“ Hierauf giebt der Hund – der, beiläufig bemerkt, der verstorbene Advokat war – seinem Bruder die Namen derer an, welche er um das Geld betrogen hatte, und sagt ferner, daß der ganze Schatz in seinem Garten unter dem großen Kirschbaum verborgen läge und bittet den Hirten, das Geld an die rechtmäßigen Herren zurück zu geben. Der Schäfer erfüllt treu die Wünsche seines verstorbenen Bruders und vertheilt das übrig gebliebene Geld, zu welchem sich keine Herren gefunden hatten, unter die Armen. Darauf hat sich der Hund nicht wieder sehen lassen.

(von August Ey)

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