HMG03 – Hanskuehnburg

Zu der Zeit, als noch Wölfe und Bären hier am Harz allein Herren gewesen sind und alles dicker Urwald war, bringt ein Mann, Hans Kühn hat er geheißen und in Herzberg gewohnt, seine beiden Pferde nach dem Bruchberg in die Weide. Da es damals noch viel Wildpret hier gegeben hat, so haben jene Fresser sich daran was zu gute getan und selten andere Tiere und noch weniger Menschen angefallen. Deshalb hat Hans Kühn sich und seine Pferde für sicher gehalten und ist dreist darauf in den Harz hinauf geritten.

Dort angekommen, wo jetzt noch der Felsen steht, der die Hans Kühnburg heißt, kommt aber eine Schar Wölfe aus dem Dickicht mit furchtbarem Geheule und mit schrecklicher Eile auf ihn zugestürzt, dass er in seiner Herzensangst vom Pferde hinunter springt und so schnell als möglich auf die Spitze des Felsens klettert. Er ist auch so glücklich, hinauf zu kommen. Von dort oben ab sieht er aber nun dem Kampf der Wölfe mit den Pferden zu.

Die Pferde stellen sich mit den Köpfen zusammen und schlagen kräftig hinten aus, um sich so gut wie möglich zu wehren. Die Menge der Feinde ist aber zu groß, und die Bestien sind zu flink. An ein Entlaufen ist nicht zu denken gewesen; die Ungeheuer kreisen die armen Tiere enger und enger ein, bis sie sie zuletzt zerfleischt und getötet haben. Darüber kommt der Abend und die Sonne geht herrlich unter, da oben aber sitzt von großer Angst und Bangigkeit gequält noch immer unser Hans Kühn und darf seine Burg, die ihn schützt, nicht verlassen; denn die Wölfe umkreisen noch immer den Felsen und bewachen ihn dort ohne abzulassen.

Es wird vollkommen Nacht und die Bestien verlassen den Felsen nicht. Der Morgen kommt, der Abend bricht wieder herein, und noch immer sind die Bestien da. Der dritte Morgen beginnt zu leuchten und die Wölfe gehen nicht weg, desto schlimmer wird aber der arme Mann von Durst und Hunger und von Angst und Not gequält. Alles Rufen, alles Schreien, Fluchen und Beten hat nicht geholfen und er nimmt sich vor, lieber hier oben zu verhungern, als sich von den Tieren zerreißen zu lassen.

In der dritten Nacht, als er es nicht mehr aushalten kann, da er fast ohnmächtig zur Erde sinkt, fängt er nochmals an, recht herzhaft um Hilfe zu beten und siehe da, eine große Ohreule kommt aus den Felsen zugeflogen, setzt sich bei ihm nieder und hat eine Rute im Schnabel, welche sie vor sich auf die Erde legt. Nachdem sie sich zurecht geschüttelt und ihre Federn in Ordnung gebracht hat, fängt sie an, in einem tiefen Basston an zu reden: Du unvorsichtiger Mensch, warum bist du so dummdreist gewesen und hast dich ohne Waffen hier in diese unsichere und gefährliche Gegend gewagt. Eigentlich müsstest du hier verhungern und dein Fleisch von den Raaben verzehren lassen; doch dein und deiner Frau und Kinder Gebet ist zu herzlich und innig gewesen, darum bin ich da, dir zu helfen. Siehe, diese Rute, die ich dir mitgebracht habe, bringt dich durch die Gefahren hindurch, welche dir durch die reißenden Wölfe bereitet werden.

Er greift gleich danach und er fühlt neue Kraft in seine matten Glieder, er fühlt auch neuen Mut und eine Belebung des Leibes, wie er sie zuvor nie gekannt hat.

Nimm das Kleinod in Acht! ruft ihm die Eule im Wegfliegen zu und ist verschwunden. Er aber hat die verhängnisvolle Rute in der Hand und traut kaum sich selbst und dem, was er gehört und gesehen hat. Mit dem Zauberstab bewaffnet, steigt er von seinem Felsen herunter und geht dreist seinen Weg entlang und die Wölfe gehen ihm, ihrem Feind, aus dem Wege.

(von August Ey)

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