HMG16 – Der geheimnißvolle Gedingarbeiter

Lange Jahre haben ein paar Kameraden auf einem Geding gearbeitet und sich dabei nicht zu Tode gequält; besonders der eine, welcher immer später angefahren ist, als der andere, der’s nicht besser hat haben wollen. Ist er hinein gekommen, so hat sein Kamerad jedes mal schon so viel herausgehabt, daß große Felsmassen dagelegen haben, und mit Entzweischlagen und Aufräumen der Erze ist die Schicht zu Ende gebracht.

Bisweilen hat dann dieser den ersten wohl gefragt, wie er nur das so leicht heraus bringen könnte? Dann hat er aber zur Antwort gekriegt, das ginge ihm nichts an; er solle die guten Tage genießen und ihn deshalb nicht fragen, auch ihm nicht neugierig nachgehen oder belauschen. Thäte er das, so wäre es aus mit ihnen, und er müsse dann wieder den Bohrer gerben und was außerdem noch geschähe, würde sich finden.

So geht denn eine Woche, ein Quartal, und ein Jahr nach dem andern hin, ohne daß der später anfahrende Gedingarbeiter neugierig über des andern Thun wieder nachgedacht, vielweniger denselben beobachtet, oder belauscht hätte. Da aber ist es eines Morgens, daß er einen unwiderstehlichen Drang fühlt, aufstehen und anfahren zu müssen, ehe die gesetzte Zeit da ist. Er denkt gar nicht an das Verbot des Kameraden, zieht sich an und fort geht’s nach der Grube zu.

Das Licht wird angesteckt und mit einer Hast, als würde er an den Haaren fortgezogen, eilte er in den Schacht hinab und auf der Strecke fort, die zu seinem Gedinge führt. Dreißig Schritt von diesem entfernt, bleibt ihm aber vor Schreck der Athem stehen, denn er sieht einen wüthend großen Ochsen vor seinem Gedinge mit den gewaltigen Hörnern immer ins Gestein hinein rennen und große Felsstücke herauswühlen. Endlich steht das Thier einen Augenblick stille und neue Verwunderung: der Ochse verwandelt sich in einen Menschen und ist wieder der andere Kamerad.

Jetzt kann sich der Beobachter nicht mehr halten, er geht hin und spricht zu seinem Kameraden: Jetzt habe ich gesehen, wie du das harte Gestein herauskriegst; das ist kein Wunder, wer solche Kräfte und Zaubergewalt besitzt, der kann sich schon helfen. Doch der Zauberer antwortet: Wärest du nicht durch eine geheime Macht hierhergekommen, so würde ich dich schlimm behandeln müssen, doch da du unschuldig daran bist, so wird dein Vergehen nur dadurch bestraft, daß du von jetzt an deine Arbeit allein, und dein Geding mit großer Anstrengung heraus machen mußt. Es gehe dir wohl! Damit ist er verschwunden und Niemand hat gewußt, wo er geblieben ist.

Von der Zeit an hat aber der Gedingarbeiter seine Löcher bohren und sich sauer quälen müssen; da hat er denn oft gesagt, hätt’ ich doch meinen Kameraden noch, ich würde ihm nie nachgehen, ihn nie belauschen, mein Lebetag nicht; ja es sollten mich keine zehn Pferde dahin bringen.

(von August Ey)

HMG15 – Das Bleigießen am Andreastag

Am Andreasabend, d.h. am Abend vor Andreastag, wird hier Blei gegossen, das ist eine bekannte Geschichte. Es versammelt sich das junge Mädchen- und Mannsvolk bei Diesem und Jenem, essen Honigkuchenkalteschale, tanzen, singen, spielen, werfen den Schuh, schütteln den Erbzaum, führen sich dabei an und verkürzen sich den Abend, bis die elf herankommt; zuletzt wird Blei gegossen. Dabei ist Regel, Niemand darf sprechen, sonst gilt’s nicht, und der Guß gelingt nicht. Ist aber Jedes stille, so erfährt’s aus der Gestalt, die das Blei beim Guß angenommen hat, ob das Mädchen einen Berg- oder Forstmann, oder was es für einen Mann kriegt. Und umgekehrt, wessen Tochter der Junggesell einmal heirathet; es soll schon oft eingetroffen sein und deshalb glaubt man’s und gießt Blei.

Also am Andreasabend sind einmal eine ganze Menge Mädchen allein in der Küche und wollen Blei gießen. Das eine hat schon gegossen und hat hübsche Tannenbäume gekriegt; sie heirathet also einmal einen Förster. Die zweite setzt eben das Blei in den Löffel, da fällt ein Menschenbein im Schornstein herunter und bleibt stehen, dann noch eins und bleibt dabei stehen.

Nun kriegen sie es alle mit der Angst und wollen ausreißen, aber die Thür und die Fenster sind fest zu und sie können nicht weg. Darnach fällt ein Rumpf im Schornstein herunter und auf die Beine und bleibt sitzen. Darnach kommt ein Kopf und fällt auf den Rumpf und bleibt darauf sitzen. Dann fallen auch noch ein paar tüchtige Arme im Schornstein herunter und bleiben an dem Rumpf sitzen und so steht da ein langer, hämischer Kerl.

Zuletzt kommt auch noch ein tüchtiger Prügel zum Schornstein herein und fällt dem Kerl in die Hand. Und nun hätte man sehen sollen, wie erbärmlich der Kerl mit dem Knüppel auf die armen Mädchen los schlug, ja es war zum Gotterbarmen.

Als sie nun alle windelweich geschlagen waren und halb todt auf der Erde lagen und schrecklich winselten und jammerten, da flog mit einmal der Knüppel, dann die Arme, dann der Kopf, der Rumpf und zuletzt die Beine wieder zum Schornstein hinaus. Die Leute kamen aus dem Hause alle in die Küche, fanden die Mädchen im Blute liegen, ließen sich die Geschichte von einem Mädchen erzählen, das am wenigsten geschlagen war und mit dem Bleigießen war’s für diesmal verpfuscht; zwei von den Mädchen sind am folgenden Morgen gestorben. Daran hatte aber eine beianwohnende Hexe schuld; die Mädchen hatten ihre Tochter nicht mit beim Bleigießen haben wollen. Das hatte sie ihnen zum Possen gethan.

(von August Ey)

HMG14 – Die Geizige

Eine Frau aus Zellerfeld besucht einmal ihre Schwester in Lautenthal. Als sie hinkommt, hört sie, daß Tags zuvor aus dem Haus eine Frau begraben ist, die aber allgemein der Geizhals geheißen hat.

Die Lautenthäler hat keine Kammer weiter gehabt, ihre Schwester muß also in der Stube auf dem Canapé schlafen. Es wird nun Bettzeug herunter geholt, und ein Bett da zurecht gemacht.
Ja, spricht die Zellerfelder, die Geizige ist doch hier auf dem Canapé nicht gestorben? Nein, sagte die andere. Wo ließ ich dich denn sonst da schlafen? In gutem Glauben legt sich also jene auf das Bett, das zurecht gemacht ist. Die anderen gehn trepp auf; die Zellerfelder kann aber nicht einschlafen. Es schlägt zehn, es schlägt elf, und sie schmeißt sich von einer Seite auf die andere.

Wie es gerade ein Viertel auf zwölf schlägt, denkt sie, na, das ist die Geisterstunde, wenn nur die Geizige wegbleibt. Aber kaum hat sie es gedacht, da geht die Thür auf und herein kommt eine weiße Gestalt. Der Mond ist halb gewesen und hat in die Stube geschienen, daß man recht gut so etwas sah. Auch sind die Laden nicht zu gewesen. Die Gestalt kommt auf die Frau zu, die da liegt, schiebt den Tisch weg und faßt den Mantel (es ist der ihrige gewesen), mit dem die Zellerfelder zugedeckt ist und reißt ihn der weg; denn sie hat auch im Tode noch nicht leiden können, daß ihre Sachen gebraucht werden, wirft ihn in die Stube, kramt auch noch vor der Schublade herum und das alles mit schrecklichem Lärm und Spektakel, so daß der Zellerfelder der Angstschweiß ausbricht.

Endlich schlägt’s zwölf und mit dem letzten Schlag ist Alles weg und still. Bis dahin hat die Zellerfelder nicht sprechen und rufen können; sie hat’s versucht, es ist aber nicht gegangen. Nun kann sie aber rufen und schreit ihre Schwester wach, die kommt herunter und findet, wie sie herein kommt, den Mantel mitten in der Stube und auch das Zeug der Todten, das in der Schublade gelegen hat, auf der Erde herum liegen; sonst aber nichts weiter verändert. Von da an hat sich die Geizige nicht wieder sehen und hören lassen.

(von August Ey)

HMG13 – Der dem Teufel vermachte Junge

Da unten im Prachtgäßchen in Clausthal wohnte vor langen Jahren eine Frau, die hatte ihren Jungen dem Teufel vermacht, damit er ihr dafür recht viel bringen sollte. Wie die Zeit nun bald herum war, daß der Teufel nach ihrer Meinung den Jungen holen mußte, da macht sie sich fort ins Land, und läßt ihr Kind zu Haus.

Des Abends in der Dämmerung sitzt der Junge hinterm Tisch auf der Bank, und seine Wirthin und ihre Schwester sitzen und spinnen Hede. Alles ist still, die Räder schnurren bloß und draußen saust der Wind; es ist ein recht graulicher Abend. Da hören sie mit einem mal ein Gepolter, und ein Spektakel im Schornstein herunter und hinein in den Ofen, daß den Frauen Hören und Sehen vergeht.

Zur Thür können sie nicht hinaus, die ist zu. Hinaus wollen und müssen sie. Sie springen also zum Fenster hinaus, und sagen: Junge, komm’ mit. Ach, schreit der, ich kann nicht, ich kann ja nicht vom Platz, es ist, als wär’ ich fest gebannt. Sie lassen ihn also sitzen und machen so schnell sie können, um auf die Nachbarschaft zu laufen und Hülfe zu holen.

Als sie wieder kamen mit Hülfe, da ist der Junge vom Platz weg, die Wände sind mit Blut verspritzt und es ist eine wahre Wüstenei in der Stube. Alles über einander geworfen, Tische und Bänke umgestürzt und mitten in der Stube liegt der Junge mit zermalmten Armen und Beinen und ist todt.

(von August Ey)

HMG12 – Sonderfolge 2

In dieser Sonderfolge stellen wir das Konzept des Harzmagie-Podcasts kurz vor (quasi als verspätete Folge 0), gehen auf das Podwichteln 2016 ein und stellen unsere Pläne für das neue Jahr vor.

Links:

HMG11 – Podwichtelfolge

Zu Weihnachten haben wir von unseren lieben Podwichteln Fabian und Thorsten diese großartige Folge, inklusive eines Beitrags der wundervollen Hoaxmistress Alexa, geschenkt bekommen.

Wir haben uns sehr über diese Folge gefreut und bedanken uns recht herzlich dafür. Wir hoffen unsere Bewichtelten freuen sich über ihr Geschenk ebenso wie wir uns über diese Folge gefreut haben.

Welcher Podcast uns bewichtelt hat, und welchen Podcast wir bewichtelt haben, wird zunächst nicht verraten. Wir verraten nur so viel; beide Podcast sind absolut hörenswert.

Wir wünschen unseren Hörern viel Spaß beim Hören, frohe [Weihnachten|Chanukka|Jahres-Endzeit-Fest|oder was immer euch glücklich macht].

Hallo,

wir durften über das Podwichteln 2016 eine Folge für diesen Podcast machen.

Da wir keine Vorlesestimmen haben, können wir dieses nur so machen wie wir es können. Wir besprechen in unseren Podcast Hörspielgeschichten einer bestimmten Hörspielserie, also dachten wir uns, wir besprechen eine Harzgeschichte.

Wir bedanken uns, das Alexa von Hoaxilla – dem skeptische Podcast aus Hamburg, die uns in einen kleine Einspieler erklärt hat, was der Unterschied zwischen Sage und Märchen ist.

Viel Spaß noch.

Fabian und Thorsten

HMG10 – Der beste Schuß

Es war einmal ein Bergmann, der schoß gern und konnte auch gut schießen. Nun war Freischießen in Goslar und da wollte er auch einmal sein Heil versuchen, ob er den reichen Goslarschen einige Thaler dabei abnehmen könne. Vorzüglich lag ihm daran, den besten Schuß zu thun und dann die Ehre davon zu haben; denn den besten Gewinn konnte er als Fremder nicht kriegen nach den Schützenregeln.

Er nimmt also sein Gewehr vom Nagel, es ist erst hübsch geputzt und rein gemacht, es blittert und blänkert und damit fort. Als er auf die hohle Kehle kommt, damals ist der Weg noch schrecklich schlecht gewesen, so sitzt da ein alter, schwacher Mann und schwitzt und ruht sich aus, dabei ist er ganz zerlumpt, und die bloße Haut guckt hie und da durch sein dünnes Zeug; die greisen Haare hängen unter seinem alten Hut vor, und die Hand und das Gesicht sind ganz abgezehrt und abgehagert. Ach, sagt dieser Alte: lieber Mann, gebt mir doch, um Gotteswillen, ein Almosen. Der Bergmann hatte ein gutes Herz, er griff in die Tasche und gab ihm die Hälfte von seinem ganzen Gelde, wofür er zwei Sätze schießen wollte. Der arme Mann schien vor Freude stumm zu werden und dankte recht herzlich für das große Geschenk, dabei sagte er: Ihr seid ein Schütze und wollt hinuter nach Goslar zum Schützenhof und mit schießen. Ich weiß es. Hier nehmt dies Gläschen und wenn ihr schießen wollt, so gießt daraus drei Tropfen auf das Visier. Dann ging er fort und der Bergmann nach Goslar.

Als er nach Goslar kam und eben schießen wollte, holte er erst sein Gläschen hervor und goß drei Tropfen auf´s Visier, legte dann an, und o Wunder, er hatte nun die weite Scheibe ganz dicht vor sich, so daß er nur auf den Nagel zu halten brauchte. Als es knallte, tanzte der Scheibenweiser und wollte gar nicht fertig werden. Der Bergmann hatte mitten auf den Nagel getroffen und den besten Schuß. So giengs mit jedem Schuß und der nahm ein ungeheures Geld mit nach Haus und hatte auch die Ehre, den besten Schuß gethan zu haben; so hatte er mehr auf den einen Satz, als er sonst auf zwei gehabt hätte.

Darnach nahm er sein Gewehr auf die Schulter und gieng mit vollen Taschen wieder nach dem Harz. Als er auf die Stelle kam, wo der Alte gesessen hatte, da saß er wieder und fragte: Na, wie ist es gegangen? Recht gut, sagte der Bergmann. Jetzt müßt ihr mir aber mein Fläschchen wiedergeben<&q>. Ja wohl sagte der Bergmann, holte es aus der Tasche und reichte es gleich dem Alten hin. Auch bedankte er sich dabei und sagte, so etwas hätte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen und erlebt. Das wäre ein köstliches Wasser. Wenn er das immer hätte, so sollte es nicht lange dauern und er wollte sich bald so viel zusammen schießen, daß er der reichste Mann würde. Darauf sagte der Alte: Weil du das Glas gleich so gutwillig mir wiedergeben willst, da du doch weißt, was es für einen großen Werth für dich hat, so sollst du es ganz behalten. Damit du aber weißt, wozu es noch gut ist, so habe ich dir noch nicht Alles gezeigt und gesagt, was man damit erzielen kann. Sieh, hier nahm er einen breiten Schieferstein auf, goß drei Tropfen aus dem Glas darauf und in dem Augenblick war der Stein in ein eben so großes Stück Silber verwandelt, das er dem Bergmann hinreichte. So kann man es auch gebrauchen. Das nimm zur Belohnung für deine Mildthätigkeit und gebrauche es ordentlich, aber mißbrauche es nicht, sonst ist es dir unter den Händen weg. Der Bergmann drückte dem Alten die Hand und in dem Augenblick war dieser verschwunden. Ganz überglücklich gieng der Bergmann nach Haus, brauchte das Glas nach der Vorschrift und ist so nach und nach zum reichen Mann und zum berühmtesten Schützen auf dem ganzen Harze geworden.

(von August Ey)

HMG09 – Der Todtentanz

In Clausthal trägt ein Schusterjunge eine Suppe weg, der Meisterin Schwester hat in Wochen gelegen und der soll er die Wochensuppe hinbringen.

Er geht über den Gottesacker, es ist ein hübscher Abend gewesen; aber der Mond hat nicht geschienen. Als er bei die Gottesackerkirche kommt, so sieht er vom Wege links ab vor der hintern Kirchthür, die auf diesseits gewesen ist, Vier mit einander tanzen; sie haben Sterbekittel an und er weiß, daß sie alle Vier schon vor zwei oder drei Jahren gestorben sind. Zwei Männer und zwei Frauen. I, denkt er, was ist denn das? träumst du denn, oder bildest du dir das ein? Du sollst einmal ordentlich zusehen. Er geht also vom Weg ab und hin und will sich überzeugen. Als er noch ein paar Schritt davon entfernt ist, da lassen die Träger los und eins der Mannsbilder springt auf ihn zu, und giebt ihm eine solche Ohrfeige, daß dem Jungen der Kopf halb auf der Seite sitzt. Natürlich läßt er vor Schreck den Teller mitsammt dem Suppennapf fallen und geht zu Haus und weint. Als er nach Haus kommt, erzählt und sagt, er habe den Napf mit der Suppe fallen lassen, da will ihn seine Meisterin noch dazu schlagen. Sie hats aber nicht nöthig; denn der Junge fällt um und ist todt.

Das kommt vom Vorwitz.

(von August Ey)

HMG08 – Die Königstochter ein Schmetterling

In einem schönen Schloße hier am Harze wohnte eine Königin mit ihrer Stieftochter. Der König war todt und hatte das Mädchen seiner zweiten Frau auf die Seele gebunden, daß sie sich seiner annähme, und es gut hielte. Wie aber der Vater todt war, da waren auch dem Mädchen seine guten Tage aus und doch war es so gut und so fromm, dabei wie Milch und Blut, ja so schön, wie es noch kein Mädchen auf der Welt gegeben hatte. Das rührte aber alles die böse Stiefmutter nicht, sie that Tag für Tag dem guten Kinde mehr zu leid, ja es bekam auch sogar Schläge auf seinen Rücken, und auf seine wunderlieblichen Backen, daß ihm die Thränen davon fielen. Das hielt es alles ruhig aus, es wiedersprach nicht, es widersetzte sich nicht, es blieb sanft und gut, aber sein Herz schwamm ständig in Thränen. Wer das sah, dies Elend, der mochte noch so hart sein, dem wurde das Herz weich. Ein jeder hätte gerne dem unglücklichen Kinde geholfen, sie konnten aber nicht; denn die Königin hatte das Regiment ganz allein, und wehe dem, wer etwas ihr darüber gesagt oder tethan hätte. So mußte denn das arme Kind sein Leid tragen. Alle Mittag durfte es eine halbe Stunde spazieren gehen auf der Wiese, die bei dem Schloße war, da weinte es sich denn recht dick und satt und oft war es, als wollte ihm sein gutes Herz brechen. Ach, wie manch heißes Gebet that es hier, wie oft sah’s nach dem Himmel, wo sein guter Vater war, wie klagte es da dem lieben Gott seine Noth und bat zuletzt, er möchte es doch von der Welt und zu seinem Vater in den Himmel nehmen, damit es von seiner bösen Stiefmutter wegkäme. So war denn manches Jahr darüber hingegangen, es lebte aber immer noch und trug sein Unglück mit Geduld. Einen Trost hatte es, das war sein gutes Gewissen und eine Hülfe, sein Gebet, die hielten es, daß es nicht ganz verzweifelte, sondern Muth behielt. Nach einem recht schönen Tage, wo es wieder tüchtig von der Stiefmutter ausgezankt und geschlagen war, gieng es wieder auf die Wiese hinaus, und betete heute recht inbrünstig zu Gott, er möge es doch aus dieser Jammerhöhle zu sich nehmen, er möge sich seiner doch endlich erbarmen. Da hörte es auf einmal eine Stimme, es war, als käme sie vom Himmel, die sagte: „Warte bis diesen Abend.“ Ruhig gieng es zu Haus, that seine Arbeit, heute schneller und viel besser noch, als sonst, und dann gieng es in sein Kämmerlein, betete erst noch einmal recht ordentlich und wollte sich dann auf sein Bett legen und dachte, darnach ständ es nicht wieder auf. Es kam aber anders. Als es mit Beten fertig war, that sich die Thür auf und herein kam ein kleines graues Männlein und sprach: „Dein Gebet ist erhört, du sollst errettet werden. Du sollst der schönste Schmetterling werden, du sollst dich an Blumenduft und Honigseim laben und Niemand soll dich verfolgen und fangen dürfen, als deine böse Stiefmutter, die aber soll in eine häßliche Nachteule verwünscht werden und bestimmt sein, dich bei Tag zu verfolgen und von den andern Vögeln gejagt und gepeinigt zu werden.“ In dem Augenblick war das liebliche Mädchen der wunderschöne Schmetterling, und das graue Männchen war verschwunden. Der Schmetterling flog durch das Fenster, das noch offen war und suchte sich auf einem Baumblättchen eine Stelle zum schlafen. Eben hatte er sich aber zurecht gesetzt, so hörte er einen Ton, der klang wie der einer Nachteule und richtig, die kam daher geflogen, konnte den Schmetterling aber nicht gewahr werden, weil er im Laube saß. Die Eule setzte sich auf einen andern Baum und heulte und winselte die ganze Nacht. Der Schmetterling hörte es und dachte, das ist deine böse Stiefmutter. Hätte sie dich nun besser behandelt, so wäre es so nicht gekommen. Als es Morgen geworden war und die Sonne schien über Berg und Thal, da flog der Schmetterling auf und in den Blumengarten, von einer Blume zur andern und freute sich seines Lebens; denn die Blumen rochen so schön und sahen so schön aus, und hatten auch alle schönen Honigseim, daß sich der Schmetterling recht satt trinken konnte. Es dauerte aber nicht lange, so kam die böse Nachteule und wollte den Schmetterling fangen. Doch der sah früh genug die Eule und flog weg und war unter den Blumen verschwunden. Als ihn die Eule noch suchte, kamen denn die Schwalben und die Bachstelzen und stachen und jagten die Eule von einem Fleck zum andern, bis sie am Ende in ein Tiefes Loch, das in der Mauer war, retirirte. Die Vögel schwirrten noch immer davor herum und ließen sie nicht heraus. Da konnte der Schmetterlin wieder hübsch umherfliegen, und so gieng es den ganzen Sommer. Als es aber anfieng kalt zu werden, dakam gerad einmal ein Prinz auf das Schloß und wollte von hier in den Harz auf die Jagd gehen. Da flog der Schmetterling im Garten umher, und der Prinz war auch gerade im Garten. Mit einmal kam die Eule angeschossen und faßte den Schmetterling und wollte ihn zerreißen. Da stürzte aber gleich der Prinz darauf los, der sich den Schmetterling schon längst gewünscht hatte und packte die Eule und drehte ihr den Hals um. In dem Augenblick aber, daß der Schmetterling von der Eule berührt war, war es wieder das liebliche hübsche Mädchen geworden. Der Prinz verwunderte sich, reichte ihr die Hand, und sie wurde seine Frau. Nachher hat sie ihm ihre Geschichte erzählt und sie haben lange Jahre mit einander gelebt; da hat’s die Prinzessin gut gehabt bis an ihr Ende. auWqos76gbs1lmdpshd525hDoUocdPu1c7Yqzxm

(von August Ey)

HMG07 – Der Hund

Es waren einmal zwei Brüder, der Eine, ein Advokat, war reich, geizig, verschmitzt und schlecht, er betrog die Leute, wo er nur konnte; der Andere, ein Schäfer, war arm, ehrlich und fromm. Der Arme ermahnte oft den Reichen und sagte: „Laß doch ab von deinem Lebenswandel und denke daran, daß du einmal sterben und Gott von allem Rechenschaft geben mußt, was du gethan hast.“ Der Reiche aber lachte und spottete darüber und sprach: „Ach geh’ mit deinen Reden; ich will mit deinem Gott schon fertig werden; ich habe schon viele Processe geführt und bin immer gut durchgekommen, diesen Proceß, der mir da noch bevorsteht, will ich auch wohl gewinnen,“ und was des überklugen und stolzen Geschwätzes noch mehr war.

Es kam aber die Zeit, daß der Reiche starb. Als er nun begraben war, saß der Schäfer des Abends einmal bei seiner Heerde und dachte darüber nach, wie es seinem verstorbenen Bruder wohl gegangen sein möchte, ob er jetzt glücklich und selig, oder verdammt wäre. In Gedanken vertieft, wird er einen großen schwarzen Hund gewahr, der an der Grenze der Wiese herauf auf ihn zukommt. Nach einigen Minuten steht das Thier kopfhängend und demüthig vor dem Hirten und sieht den Dasitzenden an. Der Schäfer wundert sich über das sonderbare Benehmen des Thieres und spricht, ohne eine Antwort zu erwarten: „Wo kommst du denn her, was willst du?“ Der Hund aber antwortet: „Ach Bruder, hätt’ ich dir doch gefolgt! Als ich vor Gottes Thron kam, war mein Urtheil schon bestimmt, war der Fluch über mich schon ausgesprochen, und nun kann ich nicht eher selig werden, bis das Geld, um welches ich die Leute betrog, was ich unrecht erworben habe, wieder an seine rechtmäßigen Herren gekommen ist.“ Hierauf giebt der Hund – der, beiläufig bemerkt, der verstorbene Advokat war – seinem Bruder die Namen derer an, welche er um das Geld betrogen hatte, und sagt ferner, daß der ganze Schatz in seinem Garten unter dem großen Kirschbaum verborgen läge und bittet den Hirten, das Geld an die rechtmäßigen Herren zurück zu geben. Der Schäfer erfüllt treu die Wünsche seines verstorbenen Bruders und vertheilt das übrig gebliebene Geld, zu welchem sich keine Herren gefunden hatten, unter die Armen. Darauf hat sich der Hund nicht wieder sehen lassen.

(von August Ey)