HMG36 – Die Hexen von Clausthal

In der Walpurgisnacht reiten die Hexen nach dem Brocken, manche in Katzengestalt. Einmal kehrten eine Frau und ein junges Mädel am Abend des 30. April nach Clausthal zurück. Sie trugen alle beide eine schwere Kiepe und machten eine Pause an einer Wegeskreuzung. Da kam mit einem male ein großer Trupp Katzen, die nach dem Brocken zogen. Das Mädel kroch vor Angst hinter die Alte. Eine der Katzen trat aus dem Haufen und gab der Alten den Befehl, sie sollte dem Steiger Liebhardt seiner Frau sagen, sie dürfte den Tanz nicht versäumen. Die Alte tat wie ihr gesagt und rief denn vor dem Steiger seinem Haus: „Frau Liebhardt, sie sollten den Tanz nicht versäumen“. Da kam dem Steiger seine Frau als fette schwarze Katz aus dem Haus gesprungen und sauste um die Ecke, nach dem Brocken zu.

HMG35 – Die Kegelbahn in der Kirche

Hier in einem Harzdorfe hat eine Kirche gestanden, die ist verwünscht gewesen und es haben schon viele versucht, sie zu erlösen; jeder aber, der den Versuch gemacht hat, hat auch einen Klapphandschuh davongetragen; der eine hat einen Arm eingebüßt, der andere ist taub herausgekommen, weil er eine Maulschelle gekriegt hat, wie sie selten gegeben wird, der dritte hat einen lahmen Fittich davon mit nach Haus genommen, kurz jeder hat sein Fett gekriegt; aber geglückt hat es noch keinem.

Da kommt einmal ein Müllerbursch in’s Wirtshaus dahin und bleibt da. Des Abends kommen mehrere aus dem Dorfe dahin und sprechen davon, daß gestern Nacht wieder einer fast den Tod daran gelitten hätte. Er läge jetzt noch ganz besinnungslos, und die Kirche wäre auch diesmal nicht erlöst.

„Darf denn da ein jeder hin und die Kirche erlösen“, fragt der Müllerbursch. „Ja wohl, wer will, kann’s versuchen und sehen, wie er den Rest kriegt. Er muß sich aber erst beim Cantor hier melden, daß der die Kirche auf- und zuschließt.“ „I“, sagt der Müller, „so will ich’s doch auch einmal versuchen, ob ich sie erlösen kann. Wo wohnt denn der Cantor?“ Einer von der Gesellschaft bringt ihn hin und der Müller sagt dem Cantor Bescheid. Der Cantor aber hat sein dickes Bedenken und sagt, es wär’ aber sehr gefährlich, der Müller möchte sich erst noch einmal bedenken, was er thäte. „Ach was“, antwortet der, „ich fürchte mich vor dem Teufel nicht, und in der Kirche bin ich ja ohnedies vor dem sicher; denn eine Kirche ist dem Teufel sein Lieblingsort gerade nicht und wer anders soll mir nichts anhaben. Ich habe derbe Fäuste und ein paar stramme Arme, in denen allenfalls eiserne Brechstangen statt der Knochen sitzen; damit nehm ich’s mit jedem auf. Um zehn komm ich und damit gut.“ Er geht wieder nach dem Wirtshaus, spielt noch bis halb zehn Solo und gewinnt noch ein paar hübsche Groschen.
Wie’s zehn schlägt, wirft er aber die Karten und macht sich zurecht. Er läßt sich erst einen kleinen Kochtopf, dann Wasser und etwas Mehl geben und sagt, er mache sich alle Nacht um zwölf einen Mehlbrei, der bekomme ihm recht gut und davon ließe er auch jetzt nicht, auch nicht bei dieser Gelegenheit. Dann geht er nach dem Cantor und läßt sich da ein Wachslicht geben; der Cantor schließt auf, der Müller geht hinein und es wird wieder zugemacht.
Er steckt sein Licht an und geht in den Beichtstuhl, darin ist auch ein Ofen gewesen. Er macht sich Feuer im Kamin an, denn er hat auch Holz und Feuerzeug mitgebracht und setzt sein Wasser auf, daß es unterdes kocht, dann steckt er sich eine Pfeife an und setzt sich auf den Stuhl des Pastors und raucht so ganz Gemütlich, als wenn er in seiner Mühle sitzt.
Da schlägt’s elf, und er hört in der Kirche in geheimes Dustern und Laufen. Er macht deshalb die Beichtstuhlthür auf und sieht ein Licht unten im breiten Gange und oben auch eins. „I“, denkt er, „mußt doch sehen, was es da gibt,“ geht deshalb heraus und vor den Altar. Da sind denn eine ganze Menge Leute, alle in Sterbekitteln, wie sie in der Regel in den Sarg gelegt werden, die stehen da alle, haben weiße Mützen auf, Strümpfe und den Sterbekittel an und sehen aus, als hätten sie schon lange im Grabe gelegen, grützgrau, fahl und leichenhaft, haben so glasige Augen, abgemagerte Todtenhände, dabei glotzen sie ihn alle an, als wenn sie ihm zu Leibe wollten. Kurz, es ist gerade keine Kleinigkeit gewesen, das anzusehen und dabei zu sein. Wie er sie und sie ihn aber so ansehen, so kommt unten aus dem Gewölbe ein Knochengerippe und hat einen Arm voll Beinknochen von Menschen und dann einen Todtenkopf, das alles schmeißt der Knochenmann unten im breiten Gange hin und setzt die Knochen wie Kegel auf und zuletzt wirft er den Todtenkopf herunter nach den andern, die vor dem Altar stehen. Die fangen nun an zu Kegeln, der Knochenmann setzt auf.

Wie sie nun alle durch sind und haben ihre Würfe gethan, so frägt der Müller, ob er auch ein bisschen mit Kegeln dürfte; er Kegle gern, das mache ihm Spaß; sie könnten auch nicht ordentlich werfen. Sie sollten mal sehen wie bei ihm die Kegel fielen. Damit nimmt er den Todtenkopf, ohne auf ihre Antwort zu warten und wirft zu. Gleich liegen alle neun. Die anderen sehen sich an, keiner spricht ein Wort. Er spricht, ob sie wohl sähen, daß er’s könnte und so kegelt er mit; die anderen lassen es auch zu und er wirft ganz knubsch; da schlägt’s zwölf, er weiß gar nicht, wo die Stunde geblieben ist, und da ist mit einemmal alles weg und alles finster. Da ruft er, wo seid ihr denn, das ist aber keine Ordnung, daß ihr weglauft und bezahlt mich nicht. Ihr seid Betrüger. Das hätte ich wissen sollen. Einer hätte gewiß die Butter bezahlen sollen.

Darnach muß er sich nach dem Beichtstuhl hinkuscheln, da brennt sein Licht, das Wasser kocht, er macht seinen Brei und ärgert sich noch über den Betrug; dann ißt er und legt sich hin und schläft, bis der Tag sperrweit zum Fenster herein scheint. Dann kommt der Cantor, schließt die Kirche auf und wundert sich nicht wenig, wie der Müller frisch und wohlgemut zu ihm her kommt. „Na, lebt ihr noch?“ fragt der Cantor. „Freilich“, sagt der Müller. „Betrüger giebt’s aber hier auch, schändliche Betrüger, die mich um meinen Kegelprofit beschuppt haben“, und erzählt, wie’s ihm ergangen ist.

Der Tag geht hin und er macht sich des Abends so gegen zehn wieder in die Kirche. Alles geht so wie den Abend vorher. Nur wie er den Todtenkopf hinnimmt, spricht er, diesmal müßten sie aber rechtlich bezahlen, wenn sie verlören und sich nicht, wie die Katze vom Taubenschlage wegmachen, sonst setze es Kopfstücke. Die Kegelgesellschaft aber antwortet kein Wort und so wird fortgekegelt. Ehe er sich um und auf sieht, schlägt wieder zwölf und alle sind wieder fort, die Kirche ist wieder finster und er steht vor dem Altar, als wie ein Hans Narre, der Abermals angeschossen ist. Voll Grimm und Ärger krabbelt er sich wieder nach dem Beichtstuhle, macht sich seinen Mehlbrei zurecht, ißt den, legt sich auf die Bank und schläft die ganze Nacht und Niemand stört ihn, bis am Morgen der Cantor wieder kommt und aufschließt. Als er zu ihm kommt so ganz als wär ihm nichts passiert, sagt der: „Na, ihr könnt von Glück sagen. Euch ist ja gar nichts darum.“ „Ach, dummes Zeug,“ sagt der Müller, „ich ärgere mich nur, daß mich die Spitzbuben wieder um die Kegelgroschen betrogen haben; die nächste Nacht soll’s ihnen aber nicht glücken. Ich hab mir schon was ausgesonnen, das soll mir wohl zu meinem Gelde helfen und die Kirche erlösen. Hört, Herr Cantor, wenn diese Nacht die Betglocke schlägt um zwölf, dann kommt nur, dann ist’s fertig, dann habe ich meinen Willen und damit geht er fort.“

Am Tage besucht er die umliegenden Mühlen und holt sich seinen Zehrpfennig, des Abends ist er aber wieder im Dorfe und geht um zehn nach der Kirche. Der Cantor schließt zu und sagt, er wolle bis um zwölf munter bleiben. Der Müller solle für eine gute Belohnung nicht sorgen, wenn er die Kirche erlöset hätte, so daß wieder Kirche darin gehalten und die Glocken geläutet werden könnten, die bis dahin keinen Ton von sich gegeben hätten. – Daran solle er es gerade hören, antwortet der Müller, sein erstes wäre, die große Glocke anschlagen zu lassen. Damit geht der Cantor fort.

Diesmal geht’s auch wieder, wie die vorigen Abende. Nur fehlt dem einen von der Gesellschaft ein Arm, dem andern ein Bein, so geht’s neunen. Einer ist dabei, der hat keinen Kopf. „Halt“, denkt der Müller, „der hat seinen Kopf zur Kegelkugel hergegeben und die anderen ein Bein und einen Arm als Kegel. Damit sollst du sie anführen.“ Wie es so gegen zwölf hinkommt und es ist an ihm zu werfen, daß er eben den Todtenkopf hingenommen und in der Hand hat, da sagt er: „Nun haltet erst einmal. Zweimal habt ihr mich um mein gewonnenes Geld betrogen. Heute kommt’s anders. Ich schmeiße nun nicht eher, bis ihr erst das von gestern und vorgestern bezahlt und auch das von Heute, denn ihr seht, ich hab’ wieder eine schöne Zahl gut.“ Wollen sie wohl oder übel, es holt einer einen Geldbeutel unterm Altar vor und zählt ihm eine Menge blanker Thaler hin, so daß der Müller denk: „nun bist du deinem Schaden beigekommen.“ Als er das Geld beigestellt hat, spricht er: „Wir sind aber noch nicht fertig. Jetzt müßt ihr auch die Kirche erst erlösen, daß wieder darin gepredigt werden kann, sonst gebe ich den Todtenkopf nicht her, und das erklärt einer von euch dort am Altar, daß ich es und die anderen hören.“ Sie kratzen sich hinter den Ohren, er aber spricht trotzig, „na wird’s bald, es ist gleich um zwölf.“ Es geht also einer an den Altar und spricht mit einer hohlen Geisterstimme: „Wir geben die Kirche der Gemeinde zurück, nachdem wir durch den mutigen Müller dazu gezwungen sind. Amen.“ Da giebt der Müller dem, dem der Kopf gefehlt hat, den Todtenkopf hin, der setzt ihn auf und da schlägt’s zwölf.

Alles ist verschwunden und der Müller steht wieder im Finstern. Nun geht er wieder in den Beichtstuhl, ißt erst seine Mehlsuppe und sucht nun den Glockenstrick im Thurm. Dann fängt er an zu läuten. Da kommt der Cantor, schließt auf und läßt ihn heraus. Auch noch viele andere Leute sind durch das lange nicht gehörte Läuten aufgewacht und nach der Kirche gelaufen und haben gleich erfahren was geschehen. Das ganze Dorf freut sich, daß es seine Kirche wieder hat, und die Leute haben ihm ein großes Geschenk zusammen gemacht. Durch das Geld, was er in dem Dorfe und bei dem Kegeln gekriegt hat, ist er ein reicher Mann geworden und hat sich nachher die Mühle vor dem Dorfe gekauft, die eben zu verkaufen gewesen ist. Ein jeder aber hat nachher heillosen Respect vor dem Müllermeister gehabt.

HMG34 – Der Wundervogel

Ein Nachtschichter, der im Spiegelthaler Pochwerk arbeitet und eben untergeschürt hat, setzt sich an einem schönen Sommerabend vor das Pochwerk auf die Bank und verzehrt sein Abendbrot. Die Tannen riechen so angenehm, und die Vögel singen so schön, daß es eine wahre Lust ist, da so allein zu sein. Als der Nachtschichter so recht vergnügt über das alles ist und sich über die Welt freut, die der liebe Gott so schön gemacht hat, kommt ein Vogel geflogen und legt sich dem Nachtschichter gegenüber auf einen Tannenzweig; dann hüpft er näher zu dem Nachtschichter. Es ist, als wolle er sich ordentlich sehen lassen. Als aber dieser aufsteht und dem Vogel näher kommt, da fliegt das Thierchen fort und ist in den Tannen verschwunden. Am andern Abend nimmt der Nachtschichter etliche Leimruthen mit an die Arbeit, bindet dann eine starke an eine lange Stange und denkt damit den Vogel zu ergattern, wenn er wieder käme. Anfänglich läßt der Wundervogel lange auf sich warten, am Ende erscheint er; als aber der Nachtschichter ihm mit der Leimruthe nahe kommt, zieht er sich zurück und verschwindet wieder im Tannenwald. So geht’s drei Tage. Am dritten Abend Lockt der Vogel den Nachtschichter den Berg hinauf und da läßt er sich fangen. Kaum hat ihn aber der Nachtschichter in der Hand, so verwandelt sich der Vogel in eine wundersam schöne Jungfrau, die sieht ihn so freundlich, so herzinnig an und spricht: Ich sehe aus der Mühe, die Du dir meinetwegen gegeben hast, daß Du mich gern haben willst, küsse mich, so bin ich erlöst, und Du wirst glücklich Dieser aber ist blöde und schüchtern, wagt die schöne vornehme Dame, die in grünem seidenen Kleide vor ihm steht, nicht anzurühren, noch viel weniger zu küssen und zieht sich scheu und langsam zurück. Sie seufzt und bittet und sieht ihn so flehentlich an; er ist aber so dumm und erfüllt ihren Wunsch nicht. Da geht sie weinend fort und verschwindet mit einem Seufzer im Walbe. Kaum ist sie verschwunden, so fängt ihn sein Betragen an zu reuen, er wendet um, sucht sie, sie ist aber nirgends zu finden. Aus Gram, daß er das hübsche Mädchen nicht erlöst hat, wird der Nachtschichter krank und in neun Tagen ist er todt. In seiner Krankheit hat er die Geschichte erzählt. Bei der Beerdigung folgten viele junge Mäbchen der Leiche, und als der Sarg hinabgelassen wird, kommt ein wunderschöner Vogel aus der Luft herab und fällt mit einem herzzerreißenden Pfiff in das Grab hinein. Alle Folger haben’s gehört und gesehen. Das ist wahrscheinlich das unglückliche Mädchen gewesen und dadurch wird sie auch erlöst sein.

HMG33 – Wie Kamschlacken und Riefensbeek in das Sösetal kamen

Etwa in der Mitte zwischen Clausthal und der Hanskühnenburg liegen im Sösethal, kaum drei Kilometer von einander entfernt, die kleinen, nach Osterode eingepfarrten Ortschaften Kamschlacken und Riefensbeef.

Vor alten Zeiten standen sie oben auf dem Bruchberge, nicht weit von der Stieglitzecke, da wo der Fahrtweg von der Clausthal-Andreasberger Chaussee rechts abführt. Im Sösethale aber war die Begräbnißstätte der Riesen, welche die Hanskühnenburg bewohnten; sie wurden dort nicht wie wir Menschen, sondern aufrecht stehend begraben.

Da stürzte einmal eine entseßliche Wasserfluth vom Bruchberge im Sösethal herunter, riß Riefensbeek mit fort und wälzte es bis dahin, wo es heute liegt. Als die Häuser aber von den Fluthen über die Riesengräber geschoben wurden, stießen sie die Riesen immerfort an den Kopf. Da wurden diese lebendig, sprangen aus den Gräbern heraus und hielten Kamschlacken, das gerade jetzt nachgeschwommen kam, an ihrem Kirchhof auf, dessen Lage man noch jetzt kennt.

HMG32 – Nur eine Katze

Ein Maurer kam eines Abends von seiner Arbeit zurück, und da es warm und der Weg lang und staubig war, so dürstete ihn sehr. Endlich sah er eine kleine Hütte, die, wie er wusste, einer alten, unfreundlichen Frau gehörte. Trotzdem trat er ein und bat sie um ein Glas Wasser. Was! schrie das Weib, ein Glas Wasser? Mach, dass Du fortkommst, Du Vagabund, in einer halben Stunde kommst Du an einen See, da trink, und sie schlug ihm die Türe vor der Nase zu. Die Frau ist schlimmer als ich dachte, sagte der Mann zu sich, das ist doch geradezu grausam, einem durstigen Menschen ein Glas Wasser zu verweigern.

Als er nach Hause kam, fand er, dass seine Frau ein gutes Essen für ihn gekocht hatte. Alles war sauber und behaglich und er setzte sich zufrieden an den Tisch. Da trat sein Nachbar ein, den er sehr gern hatte. Der Mann lud ihn zum Mitessen ein und erzählte ihm dann sein Erlebnis. Während seiner Erzählung kommt eine Katze herein und miaut anhaltend. Jag’ doch das dumme Tier fort, sagte der Maurer zu seinem Sohn, es macht ja einen abscheulichen Lärm.Ich glaube es ist durstig, Vater, erwiderte der Knabe. – Ach was, durstig. Dann kann es wo anders hingehen und trinken, marsch fort! und damit gab er dem armen Tiere einen Stoß.

Der Nachbar sah ihn lächelnd an. Mir scheint, Du ahmst der alten Frau, von der Du erzähltest, vortrefflich nach, sagte er. Wieso meinst Du das? Nun, Du sagtest ganz dasselbe zur Katze, wie sie zu Dir gesagt hat. Aber ich bitte Dich, lieber Freund, man kann doch einen Menschen nicht mit einer Katze vergleichen. Ach, sagte der Nachbar in ernstem Ton, sprich nicht so. Da ist ein durstiges Tier, es bittet Dich, ihm etwas zu trinken zu geben, ganz wie Du es bei der Frau getan; und Du jagst es fort. Die Tiere leiden doch eben so unter dem Durst, wie die Menschen. Wo ist da ein Unterschied? Aber weshalb kann die Katze nicht um etwas bitten, ohne solch abscheuliches Geschrei dabei zu machen? erwiderte der Mann, doch blickte er dabei zur Seite, denn er schämte sich. Nun, wenn Du Dich mehr um sie kümmerst, könntest Du ihr das leicht abgewöhnen. Mein Kater, wenn er etwas von mir haben will, legt seine Pfote auf mein Bein und sieht mich an. Man muss nur freundlich und geduldig mit den Tieren sein, dann tun sie alles, was wir wünschen. Ein hilfloses Geschöpf zu haben und es nicht zu pflegen, ist ein großes Unrecht. Und sieh, welch ein schlechtes Beispiel für Deine Kinder; auch sie lernen grausam und achtlos gegen Tiere zu sein, und wenn sie älter werden, so sind sie es auch gegen Menschen, vielleicht gegen Dich selber.

Unbekannter Autor, Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 1913, Seite 40

HMG31 – Der Hackeklotz

Ein Handwerksbursche, der zwar arm, dabei aber höllisch dreist war, kam in eine Stadt, da sollte der neue Herzog gekrönt werden. Das wollten viele Leute sehen und die Stadt war deshalb voll gestopft von Menschen, auch in keiner Herberge war noch ein einziger Platz übrig. Unser Handwerksbursch geht von einem Wirtshaus in’s andere, kann aber kein Unterkommen finden. Nun will er noch nach einer Herberge hin, die ganz am Ende der Stadt liegt. Er geht betrübt die Straße hinab, da begegnet ihm ein kleiner Mann, der ist sehr freundlich und frägt, warum er so traurig wäre. Der Handwerksbursch sagt, er könne keine Herberge kriegen, alles wär so voll, daß ihn kein Wirth behalten wolle. Nun solle dort unten vor dem Thore noch ein Wirthshaus sein, da wolle er sein Heil versuchen. Ach, spricht der Mann, das solle er nur lassen. Ob er nicht mit ihm gehen und bei ihm bleiben wolle, für gutes Abendbrot und auch gute Schlafstelle solle er nicht sorgen, die solle er haben. I, sagt der Handwerksbursch, das ist’s ja gerade, was ich nur will. Morgen geht’s weiter, was kümmert mich die Krönung, ich krieg’ doch nichts davon. Er geht also mit dem kleinen freundlichen Mann.

Unterwegs spricht der, morgen käme er aber nicht wieder weg, denn er hätte viel im Willen mit ihm, wenn er wolle, so könnte er hier ein wunderschönes neues Haus ganz für umsonst kriegen. Das wird einem nicht immer geboten, sagt der Handwerksbursche, an mir soll’s nicht liegen, wenn’s nichts wird. So kommen sie mit einander nach Haus. Der Wirth läßt gleich auftragen, was giebst du, was hast du; auch Wein und Bier, so viel der Gast trinken will; der thut sich natürlich recht bene; und der freundliche kleine Mann erzählt ihm dabei: draußen vor dem Thore hätte er ein wunderhübsches Haus stehen, das hätte er von seiner alten Base geehrbt; das wäre so wundervoll inwendig und auswendig und läg’ in einem Garten, der wäre wie ein Paradies. Das Schlimmste dabei wäre, daß Niemand des Nachts darin bleiben könnte; es spukte darin. Des Abends und des Nachts wage sich Keiner hin, er selbst auch nicht. Ob er das wohl erlösen könnte, frägt er den Handwerksburschen. Ach, sagt dieser, das wäre ja Narrenspossen, Spukerei gäb’s nicht, und Erlösen wär nicht nöthig. Das würde wohl Alles natürlich zugehn. Wenn’s da was gesetzt hätte, und hätte die Leute herausgejagt, oder hätte ihnen einen Denkzettel gegeben, so wären das gewiß Spitzbuben, die das gethan hätten. Das wollte er nicht sagen, spricht der Wirt, Manchen hätte es schon das Leben gekostet und jetzt gieng Keiner des Nachts dahin, vielweniger in’s Haus, und wenn er (der Handwerksbursch) das thun wolle, und drei Nächte darin kampieren, so verspräch er ihm das Haus, wie es da wäre und mit allem, was dazu gehöre. Sie schlagen ein, d.h. sie geben sich die Hand darauf. Der Handwerksbursch will gleich noch hin, der Wirt soll ihn nur hinbringen; der will aber nicht, und spricht: Morgen, wenn’s Tag wäre, wollten sie erst einmal mit einander hin und sich die Geschichte ansehen; dann müßten doch auch Sachen hingebracht werden, denn das Haus wäre ganz leer; es wäre auch nicht einmal ein Stuhl darin. Damit ist der Handwerksbursch zufrieden und geht dann zu Bett und schläft, wie ein Stein und träumt schon von dem schönen Schloß, das er haben soll.

Des Morgens darauf steht er auf, frühstückt mit seinem Wirt und darnach gehen sie einander nach dem verwünschten Haus; denn verwünscht ist es gewesen, wie sich nachher gezeigt hat. Der kleine Mann schließt auf, sie gehen hinein, durch alle Stuben und Kammern unten und oben, in die Küche, Speisekammer und den Keller, besehen sie; auch den Stall gehen sie durch; es ist aber alles leer, dabei alles gut und ordentlich eingerichtet. Als sie alles besehen haben, sucht sich der Handwerksbursch eine Stube aus, obenauf, mit einer Thür; ist auch hübsch groß gewesen und sagt zu seinem Wirt, ob er nun so gut sein wolle und für ihn ein Bett, einen Tisch und Stuhl, ein Licht und ein Buch herbringen lassen; das Buch müßte aber gut gehen, damit ihm die Zeit nicht zu lange daure. Das wird auch alles an dem Tag hingebracht; unterdessen bleibt der Handwerksbursch, es ist ein Schneider gewesen, bei seinem Wirt und lebt den Tag kötenvergnügt und puppenlustig; sie gehen auch mit einander aus in die Wirtshäuser, und der kleine Mann läßt sich’s ordentlich was kosten.

Des Abends, als sie auch erst gehörig vorgelegt haben, und der Schneider hat sich dick stempel voll gegessen und getrunken, geht er hin nach dem verwünschten Haus, schließt auf und macht sich in sein Zimmer. Hier setzt er das Bett, den Tisch und Stuhl mitten in die Stube, zieht mit Kreide einen Kreis um die Sachen, schließt dann die Thüre dichte zu, nämlich die Hausthüre vorn und hinten; eben so die Thür zu seiner Stube. Alles ist ruhig im Haus, es läßt sich nichts hören und sehen darin. Als er nun alles noch einmal durchgegangen hat, ob es in Ordnung ist, setzt er sich an seinen Tisch auf den Stuhl hinein in den Kreis, kriegt sein Buch vor und fängt an zu lesen; es ist ein hübsches Buch gewesen, das von Gottvertrauen und von Beistand Gottes in der Noth gesprochen hat, daran erbaut er sich recht und liest und liest bis es elf schlägt. Da hört er auf einmal ein Gehen und Laufen draußen auf dem Vorsaal, die Treppen auf und nieder, als wenn die Bedienten recht eilig zu thun haben; er hört das Feuer in der Küche knädern und knacken, auch Kutschengerassel vor der Thür und im Hof, aber kein Wort; es geht alles so geheimnißvoll, so geisterhaftig, so recht gespensterhaftig. Das ist ihm denn doch nicht einerlei, er bleibt aber auf seinem Stuhl vor dem Tisch im Kreise sitzen und denkt, wenn dir’s nur vom Halse bleibt.

Das dauert so hin bis halb zwölf; da prellt’s mit furchtbarem Gekrach gegen die Stubenthür, daß sie auffliegt und dann kommen sieben Männer herein, einer hat noch immer schlimmer ausgesehen, wie der andere, mit gefährlichen Prügeln in den Händen und stellen sich um den Kreis herum, in dem der Schneider sitzt. Alle glotzen ihn an, als wollten sie ihn durchbohren mit den Augen. Die Knüppel haben sie hoch, doch stehen sie still und so bleiben sie stehen bis es zwölf schlägt; mit dem letzten Schlag ist kaum der letzte zur Thür hinaus, so schlägt die Thür auch wieder zu, und alles ist still, wie’s vor elf gewesen ist.

Der Schneider erholt sich erst von der Angst, denn es hat ihm an jedem Haar ein Tropfen Schweiß gehängt vor Angst; er hat natürlich gemeint, die sieben wollen ihn todtschlagen. Wie’s halb eins ist und alles ruhig bleibt, legt sich der Schneider in’s Bett und schläft wie ein Ratz. Des Morgens, kaum graut der Tag, da kommt auch der kleine freundliche Mann und will sehen, ob er noch am Leben wäre. Als er an’s Haus klopft, guckt oben aus dem Fenster der Schneider froh und wohlgemuth.

Na, wie gieng’s diese Nacht, ruft der von unten; recht gut, der von oben. Nun wird aufgeschlossen; der Schneider muß mit dem Kleinen nach Haus, da wird tüchtig gefrühstückt und dabei fragt der Wirt, was in der Nacht dem Schneider passiert wäre. Der Schneider sagt, er glaube, es wäre besser, wenn er nicht eher etwas davon sage, bis alles vorbei sei. Das hält der Kleine auch für gut und so wird nicht weiter darnach gefragt und nichts davon gesagt. Der Schneider ist ganz lustig und denkt, du sollst dir’s heute noch zu gute machen, morgen lebst du vielleicht nicht mehr; denn gräulich ist die Geschichte doch.

Der Abend kommt wieder heran. Der Wirt läßt auftragen das Schönste und Beste, der Schneider holt tüchtig davon zu und um zehn geht er hin nach seinem Nachtquartier. Diesmal ist ihm aber doch etwas mehr Angst um’s Herz. Er hat’s aber angefangen, nun will und muß er’s auch vollenden. Oben auf seiner Stube zieht er noch einen Kreis um den ersten mit Kreide, steckt sein Licht an, holt sein Buch vor und setzt sich hin und liest. Es geht alles akkurat so wie gestern Abend. Nur, wie die Thür aufspringt, bringen Vier einen Sarg herein, nehmen den Deckel ab, setzen den dabei hin und in dem Sarg liegt ein wunderhübsches Mädchen und ist todt. Das bleibt liegen bis Dreiviertel auf zwölf, dann richtet es sich im Sarg auf, sieht ihn so freundlich an, als wenn’s sagen will, erlös mich doch und streckt die Hände nach ihm aus. Der Schneider aber bleibt ruhig sitzen und sieht das arme Mädchen an. Keiner sagt ein Wort. Wie’s bald zwölf ist, legt sich das Mädchen wieder im Sarg zurecht, die Vier legen den Deckel auf den Sarg und gehen damit zur Thür hinaus. Da schlägt die Thür von selbst zu, daß das ganze Haus bebt und dann ist Alles still. Die Geschichte ist aber dem Schneider nicht so fürchterlich gewesen, wie gestern Abend. Er hat das arme Mädchen bedauert, sich aber nicht geängstigt; deshalb läßt er doch aber das Licht brennen und legt sich zu Bett. Natürlich er schläft wieder, wie ein Stein.

Des Morgens holt ihn sein Wirt wieder ab, und wundert sich nicht wenig, daß der Schneider noch lebt; denn in der zweiten Nacht sind die Vorigen meistens todt gemacht, die sich in das Haus wieder gewagt haben. Beim Frühstück sagt der Wirt, zwei Nächte hätte er glücklich hingebracht, die dritte aber wär’ die schlimmste, da wär’ noch keiner davongekommen. O, sagt der Schneider, ihm thäte Niemand etwas. Er hätte ein gutes Mittel, das wäre gegen Hölle und Teufel gut. Der Wirt sagt darauf: Wenn er, der Schneider, morgen früh noch lebe, so gehöre ihm das Haus.

Nun gut. Der dritte Tag geht auch hin, und dem Schneider wird nicht wohl zu Muth, wie es anfängt, dunkel zu werden. Das schöne Abendessen will diesmal nicht rutschen. Er ist verstimmt, thut sich’s aber nicht aus. Um zehn reicht er seinem Wirt die Hand und sagt, lebt wohl, wenn ich umkomme, so wißt ihr, daß ich nicht feig gewesen bin. Der Wirt empfiehlt ihm Gottvertrauen und Muth, und so macht sich der Schneider fort, und macht einen dritten Kreis um die beiden ersteren und setzt sich hinein. Dies geht auch wieder alles so, wie die vorigen Abende. Nur wie die Thür aufspringt, da bringen zwei einen Hackeklotz und dann kommen noch ein alter Mann und eine alte Frau herein; die Frau hat eine große, schwarze Katze unterm Arm, die immer fort will, aber nicht kann, dann aber den Schneider mit ihren großen Augen anguckt, als wenn sie ihn zerreißen möchte. Der Mann hat aber ein blankes, scharfes Hackebeil in der Hand und kommt auf den Schneider zu. Das wird aber arg, nun geht’s dir an’n Kragen, denkt der Schneider, und der Angstschweiß fließt ihm von der Stirn, doch bewegt er sich nicht von seinem Platz; diesmal, wie sonst, bleibt alles außer den Kreisen. Der Hackeklotz aber und der Mann mit dem Beil steht dicht neben ihm. Endlich winkt ihm der Mann, er soll das Beil hinnehmen. Der Schneider denkt, thust du’s, oder thust du’s nicht! Geht erst lange mit sich zu Rath. Endlich nimmt er das Beil hin und meint, dann kann dich der doch nicht damit todtschlagen.

Kaum hat er’s hingenommen, so faßt der Mann die schwarze Katze beim Kopf, die Frau faßt sie an die Hinterbeine und legen sie auf den Hackeklotz. Die Katze wehrt sich, beißt und kratzt, was das Zeug halten will, es hilft aber nichts, sie kommt nicht los. Da winkt der Mann dem Schneider, er soll der Katze den Kopf abhacken. Da ist er denn nicht faul. Bautz! da liegt der Kopf. In dem Augenblick aber ist auch der Schneider vor Schreck zur Erde gestürzt; denn es ist gewesen, als wäre ihm auch der Kopf vom Rumpfe geschlagen.

Wie er ein wenig später wieder zu sich kommt, hört er so dumpf ein Laufen und Rennen um sich, viele Leute stehen um sein Bett. Er fühlt, der Arzt hält seine Hand und untersucht den Puls. Alles ist ihm ein Wirrwarr, so kurios; endlich schlägt er die Augen auf. Sein erstes ist, was er erblickt, das hübsche Mädchen, das im Sarg gelegen hat. Die steht vor ihm und küßt seine Hand, nachher auch seine Stirne und nennt ihn ihren theuren Retter. Der alte Herr und die Dame sind auch da im Zimmer, Bediente stehen an der Thür, und der Doktor sitzt vor ihm am Bette und wünscht ihm Glück dazu, daß er wieder erwacht ist. Alles ist um ihn herum verwandelt, alles erlöst. Das Haus ist nun ein prächtiges Schloß und alles bewegt sich so, wie er es in den Nächten gehört hat. Das junge Mädchen ist ein Edelfräulein, die Alten die Eltern von ihr. Kurz, alles ist wieder so, wie vor der Verwünschung, die eine Hexe gethan hat und der nun durch den Schneider der Kopf abgehauen ist. Der kleine freundliche Mann kommt darnach auch und freut sich, daß das Wagestück gelungen ist und schenkt dem Schneider das Haus. Das junge Mädchen wird seine Braut und nicht lange darnach seine Frau. Da ist aus dem Schneider ein reicher, vornehmer Edelmann geworden, der alle Tage in Kutschen und Karossen hat fahren können, und er ist der glücklichste Mann gewesen, den’s hat geben können. Auch hat er die Alten bei sich behalten, bis sie gestorben sind. Natürlich ist der kleine freundliche Mann sein bester Freund geblieben bis an sein Ende. Das bringt der Muth zuwege.

(von August Ey)

HMG30 – Der Weinberg

In Lautenthal hatte sich einst ein Mann einen Weinberg angelegt, der brachte ihm aber nicht das Salz, viel weniger gute Trauben oder schönen Wein ein. Warum das? Es war kein gutes Wetter.

Einstmals gieng er hinaus nach seinem Weinberge und sagte zu sich selbst: Wenn ich doch nur einen Sommer das Wetter machen könnte, dann wollte ich schon schönen Wein ernten. Kaum hat er dies gedacht, so kommt ein kleiner Knabe daher und sagt: Dein Wunsch ist erfüllt, wie du befiehlst, so wird das Wetter sein und damit war der Knabe verschwunden.

Der Mann war recht froh und ließ jetzt erst einmal die Sonne warm scheinen, dann mußte es regnen und so fort, daß es nach seiner Meinung recht fruchtbares Wetter war, auch für seinen Weinberg. Die Zeit hindurch wuchs auch alles recht hübsch, und ein Jeder freute sich. Als nun der Herbst kam, da waren alle Weinstöcke voll Trauben, und der gieng hinaus und pflückte sie.

Beim Kosten der ersten wäre er beinah vor Schreck von dem steilen Berg herabgefallen, so sauer und geschmacklos waren seine Weinbeeren. Da stand aber auch der kleine Knabe wieder bei ihm und sprach: Siehe Mensch, deinen Wunsch erfülle ich. Du ließest Sonnenschein und Regen kommen, aber den Wind vergaßest du. Darum soll der Mensch nicht vorwitzig sein und dem Herrn vorgreifen. Da war der Knabe verschwunden.

Der Mann gieng nach Haus und überließ Gott das Regiment, da hat er denn doch oft gut Wetter und gute Weintrauben bekommen; aber nicht immer.

(von August Ey)

HMG29 – Das Wildemänner-Geld

Eine Frau in Wildemann nimmt ihr kleines Mädchen an die Hand, die Stricke auf den Arm und will trockene Äste aus dem Walde holen. Nun kommen sie hin, wo trockenes Holz ist, die Frau legt die Stricke ab, das Kind setzt sich dabei, und die Mutter sucht Äste.

Aus langer Weile nimmt das Kind ein Ästchen und gräbt damit in die Erde hinein. Da kommt zuerst ein Zweimariengroschenstück, dann ein Viergroschenstück, dann ein Ortsthaler zum Vorschein und es gräbt in seiner Freude fort und fort, bis seine Mutter kommt. Die Mutter steht mit einem mal bei ihm, verwundert sich über die Arbeit und das Glück des Kindes, sagt aber kein Wort, weil sie weiß, was das Sprechen dabei für Folgen hat. Da erblickt das Kind seine Mutter und sagt ganz glücklich: Sie, Mutter wie viel Geld ich gefunden hab. Sie zählen es und es sind vier Thaler, vierundzwanzig Groschen. Nun graben sie noch weiter und tiefer, haben aber keinen Pfennig mehr gefunden.

(von August Ey)

HMG28 – Wildemann

Als die ersten Bergleute in den Harz kamen und von Zellerfeld aus in die Umgegend giengen und Erze suchten, kamen sie auch in das Innerstethal, da, wo jetzt die Bergstadt Wildemann ist. Die Innerste war gerade angeschwollen gewesen und hatte einige Gänge aufgewaschen; diese fanden die Bergleute, dabei geriethen sie aber auch auf eine Menschenspur, die im Innersteschlamm zu sehen war.

Die Bergleute wußten, daß keine Menschen weiter im Harze waren, als sie; deshalb suchten sie weiter und sahen bald darauf einen Menschen in der Nähe der Gänge, der lief nackend und sein Weib auch, beide hatten Mooskappen auf dem Kopf und einen Laubgürtel um den Leib. Wenn ihnen die Bergleute nahe kamen, so rannten sie fort, so scheu und wild waren sie, und verstanden auch nicht, wenn sie gerufen wurden. Oft hatten die Bergleute Jagd darauf gemacht, sie aber niemals erwischt. Deshalb gaben sie ihrem Herrn, dem Herzog von Braunschweig, Nachricht davon und der ließ sagen, sie möchten die wilden Menschen fangen, mit Schlingen oder mit Bogen und Pfeil, sie aber ja am Leben lassen und dann nach Braunschweig schicken. Die Bergleute gaben sich alle mögliche Mühe, die Menschen zu fassen, es mißlang aber immer. Endlich verwundete man den Mann so, daß er nicht fort konnte und fieng ihn dadurch. Er war groß und stark, hatte einen langen dicken Bart und lebte mit seinem Weibe, das ihm ähnlich war, in dieser Einsamkeit des Waldes. Sie nährten sich von Beeren und Wildfleisch, und der Mann hatte einen ziemlich starken Tannenbaum in der Hand, den er auch als Waffe gebrauchte. Dabei konnten sie furchtbar schnell laufen, waren gelenk wie die Eidechsen, und stark wie Riesen.

Es war daher keine Kleinigkeit, den Mann zu fangen. Was das für ein Kampf war, kann man gar nicht erzählen. Als die den wilden Mann gefangen hatten, sollte er arbeiten, er that’s aber nicht. Man fragte ihn, woher er wäre, und was er gethan hätte, er antwortete aber nicht. Man reichte ihm Essen und Trinken, er berührte nichts. Dabei sah er immer nach der Gegend hin, wo die Gänge waren, als könne er sich nicht davon trennen. Bis dahin hatte man zwar Ganggestein gefunden, es war aber kein Erz darin. Da nun der Mann durchaus stumm war und blieb und auch kein Wort verstehen wollte oder konnte, so schickte man ihn nach Braunschweig zum Herzog. Der Herzog bekam ihn aber nicht zu sehen, denn auf dem Wege dahin war er gestorben. An dem Tage, an dem die Nachricht zurück kam, daß der wilde Mann unterwegs gestorben wäre, gruben die Bergleute an der Innerste das erste Erz auf, das war sehr reich an Silber, und die erste Grube daselbst wurde der alte Wildemann, jetzt Ernst August, genannt.

Zum Andenken an den wilden Mann, der wahrscheinlich die Gänge so lange taub gemacht, so lange er lebte, pflanzte man auf die Stelle, wo er gefangen war, eine Linde, baute sich da an, nannte den Ort Wildemann und nahm das Bild des Wildenmanns in das Stadtsiegel auf, daher der Name und das Wappen der Bergstadt Wildemann.
Die Linde steht jetzt noch vor dem Rathhause, ist aber ganz hohl, darin sind aber drei junge Linden empor gewachsen, die sie stützen und erneuern die alte Linde.

(von August Ey)

HMG27 – Die Strafe

Vor vielen Jahren lebte hier im Harzwalde ein großer und starker Mann, der in einer Höhle seine Wohnung hatte. Rauben und Stehlen war sein Handwerk, Mord und Brand seine Lust. Lange Zeit hat er es so getrieben, ohne daß er irgendwie daran gehindert wäre. Es hat aber alles seine Zeit, und so sollte die Ruchlosigkeit dieses Menschen auch aufhören.

Einst, da er auch auf Raub ausgegangen war und nichts ergattert hatte, wollte er wieder in seine Höhle zurückgehen. Da steht mit einem Male ein kleines freundliches Männlein vor ihm, hat einen Rock an, der mit Gold und Silber wie übersäet ist. Der Räuber geht dem Kleinen mit seinem Spieße zu Leibe; Trotz alles Bittens und Flehens stößt er ihn nieder. Indem er aber zur Erde stürzt, so steht ein grimmiger Hirsch vor dem Bösewicht, und eh dieser sich besinnen kann, that er ihn schon auf seinen langen Hörnern, eilt mit ihm auf einen hohen Berg und wirft ihn von da von einem vorspringenden Felsen hinab, daß er beide Beine bricht und nun nicht mehr von der Stelle kann. In solch trostloser Lage muß er einen schrecklichen und schmachvollen Hungertod sterben, und die Raben haben dann sein Fleisch verzehrt.

(von August Ey)