HMG26 – Das Bekenntniß des Zwergs

Einer Mutter ist ihr Kind durch die Zwerge ausgetauscht und dafür haben sie ihr ein Wechselbalg hingelegt. Die Mutter ist traurig darüber; denn das Kind sieht so alt aus. Sie klagt ihre Noth einem Handwerksburschen. Dieser sagt, daß es ihr Kind auch nicht sei, sondern ein Zwerg, und das könne sie leicht erfahren, wenn sie Öl glühe und dabei das Kind auf dem Arm hätte und dann früge, wie alt er sei. Die Frau thut’s und setzt Öl auf’s Feuer und hat das Kind dabei auf dem Arm; das frägt, was sie machen wolle und die Mutter sagt, sie wolle Konfent brauen. Dabei setzt sie lauter hohle Wallnußschalen um das Feuer herum, damit sie nachher den sogenannten Konfent hineingießen kann. Da sagt der Zwerg ganz arglos und unbedacht:

I, so bin ich doch su alt,
Wie der gruße Harzerwald,
Su was ich hah’ ich nett gesahn,
In mein lange lange Lahm.
Bier zu thun in Wallnußscholn!

Da weiß die Mutter, daß es ein alter Zwerg ist. Sie setzt ihn deshalb in die Stube und befiehlt ihm, ihr Kind herbeizuschaffen, sonst würde er umgebracht. Der Zwerg sagt, sie möge nur einmal hinausgehen, und als sie wieder hereinkommt, da ist ihr Kind da, aber der Zwerg ist weg. Nachher ist das Kind groß, stark, reich und auch recht glücklich geworden.

(von August Ey)

HMG25 – Die lange Nase

Es ist hier einmal ein Vater gewesen, der hat drei Söhne gehabt; zwei kluge und einen dummen; alle drei wollen sich was versuchen und fordern ihr Erbtheil. Der Vater giebt jedem, was er haben soll. Jeder kriegt aber einen Holster und darin was zu leben mit, und so gehen sie fort; einer nach dem andern; der eine hierhin, der andere dorthin.

Da begegnet dem ältesten ein altes Mütterchen, sie kann kaum fort und sieht aus, wie die theure Zeit; vom Hunger nämlich. Die sagt zu dem ältesten: Sei doch so gut und gieb mir einen Bissen Brod, sonst muß ich verhungern. Darauf antwortet der, er ist nämlich zu faul gewesen, seinen Holster abzuhucken; ach geh’ zum Teufel, an euch Gerippe verliert die Welt nichts und geht fort. Die Frau bittet noch einmal, bekommt aber nichts. Da sagt sie noch: Ist auch dein Vortheil nicht.

Mit dem zweiten gehts ebenso, der ist aber geizig gewesen und hat nichts missen können. Der dritte aber, das ist der dumme gewesen, wie den die Alte bittet, der setzt gleich seinen Holster ab, und schneidet ihr ein tüchtiges Stück Brot und Spreck ab und spricht; da alte Mutter, thut euch was zu gut und freut sich, wie sie so heißhungerig in das Brot hineinbeißt. Als er fortgehen will, sagt die Alte: Halt, du mußt belohnt werden für Deine Gutthat. Da zieht sie eine alte Hosentasche aus ihrem Busen und giebt das Ding dem Dummen. Der weiß nicht, was er damit soll und frägt, wozu soll die Tasche gut sein? Greif hinein, spricht die Alte. Er thuts und hat die Hand voll blanke Thaler. Dazu giebt sie ihm eine Wurzel und spricht: reibst Du die Wurzel zwischen deinen Händen, so bist Du gleich, wohin du willst. Zuletzt giebt sie ihm auch einen ledernen Däumeling, den zieh über den linken Daumen, wenn Du mich sprechen willst, wird dir von großem Nutzen sein. Er bedankt sich schön für die Sachen, steckt sie sorgfältig bei und geht fort.

Im nächsten Wirtshaus läßt er sich was zu essen geben und bezahlt aus dem Wunderbeutel und so geht’s auf seiner ganzen Reise. Er hat nicht schlecht gelebt, und dabei hat er auch was darauf gehen lassen, hat’s ja gekonnt und hat ihm nichts gefehlt. Nun kommt er in eine Stadt, da wohnt ein König, der hat eine wunderhübsche Tochter, die ist aber schrecklich eigensinnig gewesen und auch hartherzig und stolz. Kein Mensch ist ihr zu Dank und haben sie viele haben wollen. Den jungen Männern hat sie dann aber drei Räthsel aufgegeben, und wer’s nicht errathen kann, muß sterben. Viele Königs- und Fürstensöhne sind bei der Geschichte um ihr bischen Leben gekommen.

Das hört nun auch der Dumme, wie er in die Stadt kommt, wo die Königstochter ist. I, sagt er, da müßtest du doch auch einmal dein Heil versuchen. Du hast ja die Wurzel, die hilft dir aus der Klemme, wenn’s schlimm wird. Du kannst bei dem Handel nur gewinnen, aber nicht verlieren. Doch wär es aber gut, du ließest einmal deine Alte kommen. Er holt also seinen Däumling hervor, zieht den an den linken Daumen, und gleich ist die Alte da. Hör, sagt er, so und so, ich möchte wohl die Königstochter haben, aber ehe ich hingehe, möchte ich euch erst fragen, ob’s wohl gut ist für mich. Das kannst du ja thun, sagt die Alte. Dazu mußt du aber dies haben. Hier ist eine Leimruthe, ein Vogel und ein Teller. Wenn nun die Königstochter frägt, ‚was hält fest,‘ so giebst Du ihr die Leimruthe hin. Wenn sie frägt, ‚was wird gesengt und gebrennt,‘ dann gieb ihr den Vogel. Wenn sie sagt, ‚es ist gar,‘ so reich ihr den Teller, darauf soll sie ihn hinlegen. Dann wird sie weiter nichts wissen und muß dich zum Mann nehmen, dann sei aber klug und laß dich nicht anführen.

Die Alte ist darauf gleich wieder verschwunden. Wie sie fort ist, denkt er, es wäre doch wohl gut, wenn du dir die hübsche Mamsell erst einmal ansähest, ob sie dir auch gefiele, ehe du wirklich hingehst. Er holt also seine Wurzel aus der Tasche heraus, dreht die zwischen den Händen und wünscht sich hin nach der Königstochter, wo die ist. Gleich ist er fort, und das beste dabei ist, er sieht sie, sie ihn aber nicht, und sie gefällt ihm; denn sie hat ein so hübsches Gesicht, so runde rothe Backen und ist dabei eine Figur, wie er fast noch keine gesehen hat.

Er sieht sie lange an, hört zu was sie spricht und sieht was sie thut. Da sitzt sie auf einem wunderschönen Kanapee, das mit Sammet beschlagen ist und spricht eben mit vier vornehmen Damen, die bei ihr sitzen, von den armen Männern, die über sie in’s Grab beißen müssen und sagt, sie möchte wohl, daß keiner wiederkäme; denn es könnte kein Mensch ihr Räthsel errathen. Da spricht noch die Dame, das könne sie doch nicht ganz wissen, es könnte doch einmal einer kommen, der’s erriethe, und den müßte sie denn doch nehmen, sie möchte ihn leiden können oder nicht. O, sagt sie, dann gäbe es ja auch Mittel, den wieder los zu werden. Sie wollte nur das dumme Männervolk prellen, daß ihm die Augen nicht über, sondern zu gehen sollten.

Wie der Dumme das gehört hat, da hat er genug, reibt die Wurzel und ist gleich wieder in seinem Wirtshaus. Jetzt überlegt er’s noch einmal, ob er es thut oder nicht, ober er hingeht, oder ob er wegbleibt. Am Ende denkt er, sollst hingehen; daß doch endlich ihr Mund einmal gestopft wird. Er also hin, läßt sich anmelden und wird auch vorgelassen. Da sagt er, was er will. Die Königstochter sagt aber gleich, er solle sich nur gleich wieder fortpacken, er könnte doch ihre Räthsel nicht errathen, sonst koste es seinen Kopf, er gefiele ihr auch nicht.

Darauf spricht er: das wäre ihm gleichviel, sie solle nur erst ihre Räthsel sagen, dann fänd’ sich’s. Sie sieht ihn so von der Seite recht verächtlich an und spricht: Was hält fest? Da zieht er ganz langsam ein Kästchen aus der Tasche und nimmt daraus eine Leimruthe und reicht ihr die und spricht, die hält fest. Da macht die Prinzessin große Augen und spricht in Wuth: Was sengt und brennt? Da zieht er einen Vogel aus der Tasche und sagt, der wird gesengt und gebrennt. Da stutzt sie noch mehr und sagt in großer Eile: Es ist gar, was mein ich damit, sagt sie. Da holt er seinen Teller heraus und sagt, ist es gar, so legt’s auf den Teller. Da wird sie vor Gift und Galle stumm. Er aber spricht, er hätte die Räthsel errathen und nun müßte sie seine Frau werden. Das wäre auch leider schlimm genug, spricht sie, daß sie ihn nehmen sollte und doch gieng es nicht anders; sie müsse sich wohl fügen und da wird Hochzeit gemacht.

Nun nimmt er sich aber erst recht in Acht. Von allem was er essen soll, muß sie erst essen. Bei Tag und bei Nacht ist er auf seiner Hut, daß sie ihm keinen Schabernack anthun kann. Seinen Wunderbeutel näht er sich in seine Hosentasche, die Wurzel steckt er in die Westentasche und den Däumeling näht er in seinen Rock in die Brusttasche hinein. Gut das. Es geht wohl ein halb Jahr so hin und sie verwundert sich immer, wo er das viele Geld herkriegt, das er immer hat, und frägt ihn auch einmal, wo er denn das herkriegt? I, sagt er, das ist einerlei, genug ich hab’s und geb’s aus und weiter ist nichts nöthig, ob du das weißt oder nicht. Ich hab’s in der Tasche hier. Laß mich doch einmal etwas herausholen, spricht sie. O ja, sagt er. Sie greift hinein und holt eine Hand voll blanke Thaler heraus. Ach, sagt sie, recht bittend und zärtlich und schmeichelt ihm und herzt ihn, sag mir doch, wie geht denn das zu. Ach, spricht er, das kann ich dir nicht sagen und darf’s dir nicht sagen. Ich habe immer Geld in der Tasche. Sie umfaßt ihn so recht zärtlich und fühlt die Wurzel in der Westentasche, faßt zu und nimmt sie weg, ohne daß er’s weiß.

Des Nachts steht sie auf und nimmt ihn die Hose mit sammt der Tasche weg. An den Rock kommt sie aber nicht, worin der Däumling steckt. Wie sie’s weg hat, so läßt sie die Bedienten kommen, und die müssen ihren Mann zum Dinge hinausprügeln. Er hat kaum so viel Zeit, daß er seinen Rock überschmeißen kann. So muß er fort, barfuß und barbeinig zum Tempel hinaus. Gut, daß es Nacht gewesen ist, daß ihn keiner gesehen hat. Kaum ist er aber auf freiem Felde, da macht er seinen Däumling los, zieht den an den linken Daumen und im Augenblick ist die Alte bei ihm und frägt, was er ihr wolle. Da klagt er ihr denn seine Noth, wie niederträchtig hinterlistig das Weib gegen ihn gewesen wäre, kurz er erzählt ihr die ganze Geschichte. Ach, spricht sie, sie wisse schon alles; er solle nur ruhig sein, die solle schon ihr Recht dafür haben. Sie müßte alles wieder hergeben. Er möchte einstweilen diesen Beutel nehmen, den müßte er ihr aber hernach wiedergeben, wenn er den ersten wieder gekriegt hätte. Dieser Beutel mache klug, reich und vornehm. Sie würde nun jetzt die Prinzessin krank machen, daß sie Schürfe an der Nase kriege, die würden ihr denn wohl erst tüchtige Schmerzen machen, daß sie Tag und Nacht keine Ruhe hätte. Er solle sich dann zum Doctor machen, in einem schönen Wagen nach dem Schlosse fahren und sich anmelden lassen, er wolle sie von ihrer Krankheit befreien. Wenn er dann vor die Prinzessin käme, so solle er sie erst ordentlich ausfragen, und im Gesichte befühlen und zuletzt sagen: Sie hätte zweierlei in ihrem Hause, das ihr von rechtswegen nicht gehöre. Das müßte sie ihm geben, sonst würde sie im Leben nicht wieder gesund; das wäre behert und davon wäre sie krank geworden, und ehe das nicht weg aus ihrem Hause wäre und vernichtet würde, eher würde sie nicht gesund, eher gingen auch die brennenden Schürfe nicht weg. Gäb sie es ihm aber, so wäre sie am dritten Tage wieder so gesund wie ein Fisch. Zum Beweis wolle er nur dieses Geschwür berühren, so würde es gleich aufgehen und in ein paar Minuten heil sein.

Er thut’s und nach ein paar Minuten ist es heil. Ach, sagt die Prinzessin, sie wolle es nur sagen, sie hätte da einen Beutel und eine Wurzel, die hätte sie ihrem Mann geraubt; und giebt beides dem Doctor. Der nimmts und steckts bei. Da zieht er eine Kruke aus der Tasche, darin ist eine Salbe und giebt ihr das und spricht, davon sollte sie sich diesen Abend vor Zubettgehen eine Bohne groß auf die Schürfe wischen. Des Morgens darauf würde es erst etwas dicker und größer, ja auch schlimmer werden. Sie sollte sich aber nicht irre machen lassen, am dritten Morgen wäre alles weg und sie hätte ihr hübsches Gesicht wieder, und da geht er weg. Sie will ihm erst recht viel Geld geben, er aber sagt, für die Kleinigkeit könnte er nichts nehmen. Es würde ihn freuen, wenn sie seinem Rath folgte. Dann macht er sich aus dem Staube und lebt bis an sein Ende herrlich und in Freuden, hat sich aber um keinen Menschen weiter bekümmert. Der Alten giebt er die zwei Beutel hin, als er den ersten hat und da ist es ihm stets gut gegangen.

Die Prinzessin hat also das ganz pünktlich gethan. Vor Zubettgehen nimmt sie die Kruke und bestreicht damit ihr Gesicht und legt sich hin. Sie hat tüchtige Schmerzen. Des Morgens wie sie aufsteht, da schlagen die Kammerjungfern in ihre Hände, da hat die Prinzessin eine Nase, die ist gewiß einen halben Fuß lang und so feurig, daß man einen Schwefelstock daran hätte anstecken können. Sie freut sich aber und sagt; so müsse es erst kommen. Wischt wieder etwas daran und die Nase wächst den ganzen Tag länger und länger, des Abends ist sie schon einen Fuß lang. Sie freut sich und sagt, so müßte es kommen und wischt noch einmal was daran. Wie sie aber den andern Morgen aufwacht, da ist die Nase so lang, daß sie die Erde fast berührt. Nun wird ihr’s aber doch schwül und hat nichts wieder daran gewischt. Und die lange Nase hat sie behalten bis an ihr seliges Ende. So ist es gekommen, anstatt daß sie den Mannsleuten hat eine Nase drehen wollen, hat sie eine gekriegt, an der sie ihr Lebtag genug gehabt hat.

(von August Ey)

HMG24 – Der Hexenritt

Ein Bergmann hat immer darüber gespottet, wenn die Leute gesagt haben, die Hexen reiten nach dem Brocken in der Walpurgisnacht. Öfter hat er dann gesagt, wenn mir nur einmal solch ein altes Tier in die Quere käme, ich wollte sie schmeißen, sie sollte die Beine aufkehren! Was will denn solch ein Gerippe von einem alten Weibe, dass nur aus Haut und Knochen zusammengesetzt ist, gegen unser einen.

Na, na, sagt oft die alte Nachbarin, die nebenan gewohnt hat: Napper, Napper, su was lächtes iss es doch net, sune Reiterin obzeschmeißen, nammt ich an Wulperscheband in Acht. Possen, nicht als Possen, hat er dann gesagt. Ich will ihr’s schon geben, dass ihr das Reiten vergehen will. Darauf hat die Alte geschwiegen.

Nun kommt der Walpurgisabend, den Abend wird knollig geschossen, es ist gewesen, als wenn der Feind angekommen ist. Mit Katzenköpfen, Flinten, Büchsen und Pistolen. Jedes hat sein Knalleisen an dem Abend tüchtig gebraucht, und je stärker das es geknallt hat, desto mehr hat man sich darüber gefreut. Den Abend, es ist so gegen neun gewesen, muss der Bergmann anfahren. Er hat Order gekriegt, im Schacht hat’s gebrochen, er soll dem Ausrichter helfen.

Fliegende Hexe greift MannWie er nun auf die Bremerhöhe kommt, da kommt denn ein Schwarm alte Weiber angesaust durch die Luft; das ist ein Geschrei und Gejohl’ gewesen, als wenn alle Teufel los sind. Eine kommt herunter, stülpt den Bergmann um, er mag wollen oder nicht und gleich auf ihn, und da geht’s durch die Luft fort hinter die Anderen her nach dem Brocken.

Er kann kaum atmen, dabei ist dass alte Weib so schwer, dass es ihm die Knochen fast eindrückt. Um elf kommen sie auf dem Brocken an, da wird er erlöst, sie steigt ab und der Bergmann fällt halb tot auf die Erde. Da umzingeln ihn nun die anderen Hexen und tanzen um ihn und der Teufel ist auch dazwischen; dann richten sie ihn auf und fragen ihn, ob er nun schweigen könne oder ob er in Öl gebraten werden wollte. Wer will sich aber gern in Öl braten lassen; er sagt, er wolle nichts wieder sagen von den Herrn. Da spricht der Teufel, wenn er sich aber je ein Wort verlauten ließe, so wäre er ein Kind des Todes. Da oben haben die Hexen denn aber eine Schande getrieben, das darf man gar nicht sagen.

Wie es nun so gegen zwölf hinkommt, da macht sich der ganze Schwarm wieder auf und die eine Hexe kriegt unseren Bergmann wieder her, setzt sich darauf und nun geht’s wie unsinnig durch die Luft und zurück bis nach Bremerhöhe bei Clausthal. Auf der Stelle, wo ihn das Hexenweib gefasst hat, da geht es wieder nieder und er ist frei. Ein paar Stunden hat er erst gelegen und hat sich erholen müssen, dann kriecht er langsam nach Haus.

Seine Frau ist schon wieder aufgestanden und will eben fort in den Wald und eine Tracht Holz holen, als er nach Haus kommt. Ach Frau, sagt er, bleib da. Ich hab eine schlechte Nacht gehabt. Geh hinaus in die Küche und leg ein bisschen Holz in den Ofen, ich habe geschwitzt, dass ich mich umziehen kann. Sie geht hinaus und tut es. Da erzählt er dem Ofen sein Schicksal; seine Frau steht am Ofen beim Einheizen und hört es. Kommt herein, sagt aber nichts. Eine halbe Stunde danach kommt auch das alte Weib, die Nachbarin und spricht: Es wäre sein Glück, dass er es beim Ofen und seinem Menschen erzählt hätte, sonst sollte er sehen, wie es ihm ginge.

Da wissen sie, dass dies eine Hexe gewesen ist. Die Frau geht hin und sieh, die infame Hexe wird verbrannt, da ist ihr gerade Recht geschehen.

(von August Ey)

HMG23 – Der Venetianer

Was sonst alles passiert ist, und was die Leute sonst gekonnt haben, davon macht sich jetzt keiner eine Vorstellung. Vor Zeiten lebte in Lautenthal ein armer Bergmann, der war aber reich an Kindern, acht. Alle waren wie die Orgelpfeifen, dabei nackt und bloß und oft hatten sie nichts zu beißen und zu brechen.

Der Vater quälte sich genug um das tägliche Brot, schämte sich keiner Arbeit, war fleißig und thätig, mocht’s Nacht oder Tag sein, er that alles, was vorkam, wenn’s nur recht und ehrlich war. Schlechtigkeit mußte ihm aber vom Leibe bleiben, und wenn er auch mit Frau und Kindern hungern mußte, Unrecht that er nicht.

Im Frühjahr holte er einstmals Erbsenstiefel und verkaufte sie. Wie er nun im Walde war und sich zwei tüchtige Bunde zurecht gemacht hatte, wurde er müde. Es war ein heißer Tag. Er sucht sich also eine weiche Stelle unter einem Baum, wo schatten war und legt sich hin. Wie lange er da geschlafen hat, das weiß er nicht. Er wacht wieder auf, denn es weckt ihn Jemand und da steht ein Mann vor ihm, der ist recht freundlich und liebreich gegen ihn und frägt, wie es ihm gehe? Der Bergmann will erst nicht recht mit der Sprache heraus; er ist noch halb im Schlaf. Der Fremde wird immer zutraulicher und der Bergmann munterer und fängt auch an zu sprechen und sagt, ach, er hätte seine Noth. Er müsse für acht Kinder Brot schaffen, und dazu sei schlimme Zeit, wenig zu verdienen; da wisse man wohl, wie’s einem da gieng.

Der Fremde sagt, wenn du mir vertrauen willst, so kann ich dir helfen und du bist mit einem Male allem Leid entsprungen. Wenn das Gott gebe, sagt der Bergmann, so wolle er ihm auf seinen Knieen danken. Er wolle ja gerne Alles thun, wenn er nur aus seiner Noth kommen könnte. Nur müßte er nichts Unrechtes von ihm verlangen. Nein, sagt der Fremde, das verlange ich nicht von dir. Du vertraust mir also unbedingt. Ja, von Herzen gern, wenn ihr es gut mit mir meint. Das versteht sich von selbst, sagt der Fremde. So lege dich nur wieder hin und schlafe, dann wirst du sehen, wie’s kommt.

Der Bergmann ist noch herzlich müde und denkt auch, im Schlaf kann man nicht leicht sündigen und schläft ein. Wie lange er diesmal geschlafen hat, hat er wieder nicht gewußt. Als er wieder aufwacht, liegt er auf einem Bette von Sammt und Seide, in der Stube stehen an den Wänden die schönsten Geräthschaften, Kommoden, Tische, Stühle, Kanapees von blankem Holz und mit Sammt überzogen, die hübschesten Spiegel hängen an den Wänden in Goldrahmen, ebenso auch große Bilder mannshoch, als wenn sie leben. An der Thür stehen zwei Diener in Kleidern, die von Gold und Silber starren, und die gewartet haben, daß er aufwachen soll.

Wie nun der Bergmann seine Augen aufgeschlagen hat und sich verwundert über die Pracht und über alles, was er da sieht, da treten die Diener an’s Bett und fragen, ob der Herr gut geschlafen hätte. O, ja, sagt der Bergmann. Aber meine Herren, wo bin ich denn? In Venedig, sagt der eine Diener recht ehrfurchtsvoll. In Venedig? antwortet der Bergmann. Mein Himmel, wie komme ich denn dahin? Das wird der Herr schon wissen und erfahren, sagt der andere Diener. Dürfen wir beim Auffstehen helfen? Ach, antwortet der Bergmann, das bin ich nicht gewohnt. Ich kann allein auffstehen. Er steigt aus dem Bett und will sein Zeug anziehen, das ist aber fort, und die Diener ziehen ihm anderes an, viel schöneres, und putzen ihn ordentlich heraus, daß er aussieht, wie der vornehmste Herr; auch hat er sich aus einem silbernen Waschbecken waschen müssen; der Diener reicht ihm in cristallenem Krug Mundwasser, alles auf’s beste und feinste.

Der Bergmann verwundert sich in einem fort und schüttelt mit dem Kopfe, er weiß gar nicht, ist denn alles so in Wirklichkeit, oder träumt er nur. Hierauf fragen die Diener, womit sie ihm aufwarten könnten. Ach, sagt der Bergmann, ich habe Hunger im Kamisol, ich möchte gern was essen. Gleich laufen die Diener fort und es dauert nicht lange, so bringen sie ein Frühstück – besser kann’s der König nicht haben – sie tragen auch auf, daß der Tisch knackt.

Na, denkt unser Bergmann, wenn du doch iß’st und trinkst und wirst satt, so ist doch das kein Traum. Er setzt sich hin und ißt und trinkt bis er nicht mehr kann, denn es schmeckt ihm alles so gut, wie ihm noch nichts geschmeckt hat, der Braten und das schöne weiße Brot und dazu der starke Wein, der so feurig gewesen ist. Nun wird er dreister und frägt die Diener, wo denn ihr Herr stäcke und wer das wäre.
Eben wollten ihm die Diener antworten, da kommt der Herr zur Thür herein und das ist gerade der gewesen, der freundliche und liebreiche Mann, den der Bergmann dort bei Lautenthal gesehen und gesprochen, der ihm gesagt hat, er solle nur wieder einschlafen, dann würde sich’s weiter finden. Der kommt auf ihn zu, reicht ihm die Hand und frägt, na, wie gefällt dir es hier? O, sagt der Bergmann, wem sollte es hier nicht gefallen, aber meine armen Kinder und meine gute Frau! Eine Bitte hätte ich, sagt mir, wie bin ich hierher gekommen, und was habt ihr mit mir im Willen?

Ich will dich beglücken, spricht der Herr, wenn du mir vertraust. Doch will ich dir gleich beweisen, daß ich dich schon lange gekannt habe, daß ich von deiner Vergangenheit, deiner Gegenwart und daß ich deine Zukunft weiß. Tritt vor diesen Spiegel, darin wirst du sehen, wie es dir gegangen ist.

Als der Bergmann davor steht, sieht er sich, wie er seine jetzige Frau als Mädchen frägt, ob sie seine Braut werden wolle; dann, wie er sie als Braut in die Kirche führt und Hochzeit hat; und noch manches andere, was er schon längst vergessen hat, woran er aber gleich wieder denkt, und was ihm auch gleich einfällt. Vor Verwunderung kann er kein Wort sprechen. Da führt ihn der Herr zum zweiten Spiegel. Jetzt sieht er, wie seine Frau und Kinder zu Haus weinen, jammern und wehklagen um ihn; denn sie meinen, er ist todt. Das macht den Vater weichherzig, und die Thränen purzeln ihm über die Backen. Zuletzt muß er noch vor einen dritten Spiegel treten. Hier sieht er, wie er mit seiner Familie im großen Wohlstand lebt; dann aber auch, wie er durch Habsucht wieder in Armuth zurücksinkt.

Sieh, sagt der Venetier, das letzte wird nicht geschehen, wenn du mir folgen willst. Ach, ich will alles thun, was Ihr mir sagt, spricht der Bergmann, sagt nur, was soll ich thun. Willst du noch länger hier bleiben, so steht es dir frei, willst du aber nach Haus, so kann das auch geschehen, sagt der Herr. Ach ja, antwortet der Bergmann, ich will den Meinigen zu Hülfe kommen, ich kann nicht so lange das Elend ansehen, in dem sie sind. Sag nur, theurer Gönner, wie kann ich helfen. Darauf kriegt er zur Antwort: Wenn du nach Haus kommst, so grabe unter dem Baum, der in deinem Garten steht, ein Loch, zwei Fuß tief, bei Nacht, zwischen elf und zwölf Uhr. Dann wirst du darin eine gelbe Erde finden, davon drücke dir jedesmal zwei Kugeln, so groß, daß du sie mit beiden Händen umspannen kannst und trage sie nach Goslar und verkaufe sie an den Goldschmied. Du darfst aber nicht mehr, als die Woche zwei mal zwei Kugeln machen und verkaufen. Machst und verkaufst du mehr, so ist’s dein Unglück. Sieh, hier will ich dir auch noch etwas machen, das dir gleich auf die Beine hilft. Hier habe ich eine Erdart und da mehrere Flüssigkeiten, wenn ich davon etwas auf deine Erde gieße, nur ein paar Tropfen, und drehe dann in der Hand Kügelchen davon, so entstehen die schönsten Edelsteine. Er probirt es und giebt die so gemachten Edelsteine, die leuchten wie die Sonne, dem Bergmann zum Andenken und sagt, wenn du nach Goslar kommst, so bekommst du schweres Geld dafür. Der Bergmann bedankt sich mit Thränen im Auge aufs Herzlichste dafür, wickelt sie recht sorgfältig ein und steckt sie in die Tasche.

Nun spricht der Venetianer, komm laß uns noch ein wenig spazieren gehen. Du mußt doch auch sehen, wie es in Venedig ist. Des Abends spät kommen sie erst wieder nach Haus, und der Bergmann weiß gar nicht mehr, was er alles Schönes und Herrliches gesehen hat. Der Herr wünscht ihm gute Nacht. Die Diener sind dem Bergmann beim Ausziehen wieder behülflich, er muß sich wieder in das schöne Bett legen, und ist gleich vor übergroßer Müdigkeit eingeschlafen. Als er am andern Morgen aufwacht, liegt er wieder unter der Tanne. Erst meint er, er hat geträumt; greift aber gleich in seine Tasche, da stecken aber die beiden Edelsteine, die der Venetianer ihm gemacht und geschenkt hat. Nun packt er gleich auf und geht nach Goslar, verkauft sie und bekommt dafür schweres Geld. Jetzt macht er, daß er damit nach Haus kommt. Wie er in die Hausthür tritt, da stürzen ihm Frau und Kinder vor Freuden entgegen, hängen sich an seinen Hals, an seine Hände und Beine, daß er erst gar nicht zu Worte kommen kann. Dann geht’s an’s Fragen, ob er auch Geld mitgebracht hätte, sie wären alle hungrig, fast zum Verhungern. Nun wird gleich fortgeschickt und Brod und Fleisch gekauft und das erste Mal nach langer Zeit können sich Frau und Kinder satt essen. Das ist eine Freude und ein Jubel gewesen, wie nie zuvor.

Des Abends geht der Bergmann zwischen elf und zwölf Uhr in den Garten und findet Alles so wie der Venetier es gesagt hat. Lange Jahre ist der Bergmann folgsam und genügsam und wird ein grundreicher Mann. Doch am Ende fährt ihm der Geizteufel in den Kopf, er macht in einer Woche zum dritten Mal zwei Kugeln, und bringt sie nach Goslar. Als er mit voller Tasche zurückkommt, wird er müde, er mag wollen oder nicht, er muß sich unter eine Tanne legen und schläft ein. Da erscheint ihm der Venetier, weckt ihn auf und spricht: Siehst du, jetzt wirst du wieder arm werden, wie du früher gewesen bist. Das hast du von deiner Habgier. Und da verschwindet er. Und so wie der gesagt hat und wie es der Bergmann in dem Spiegel gesehen hat, so ist es auch gekommen. Da hat er noch am Ende verhungern müssen.

(von August Ey)

HMG22 – Der Zauberring

Ein Bergmann hatte lange Weile. I, denkt er, du gehst hinaus in den Wald und holst dir ein Schulterstück d.h. eine Stange Holz. Die Pfeife wird angesteckt, Taback in Beutel gethan und nun soppt er langsam die Schulenberger Höhe hinauf und in den Wald hinein. Dort weiß er zwei trockene Bäume, von grünen darf er nichts, sonst kriegte er mit dem Förster Krakeel. Er kommt bald hin; aber es steht nur noch ein trockener Baum und der andere ist ein Apfelbaum und daran hängen mehrere Äpfel.

Spaßes halber mußt du dir doch einen Apfel davon mitnehmen; denn Apfelbäume im Tannenwald, das ist eine große, eine sehr große Seltenheit hier auf dem Harze, denkt er. Er schlägt sich also einen Apfel mit einer Stange ab und steckt ihn bei, darauf macht er sich sein Schulterstück zurecht, huckts auf und geht nach Haus. Im Holzschauer setzt er’s in die Ecke, und denkt, morgen holst du dir noch eins und so alle Tage bis zum Sonnabend, dann schneidest du’s und kriegst dann schon ein artig Theil Winterholz, dann geht er in die Stube, holt seinen Apfel aus der Tasche und will ihn essen. Als er hineinbeißt, kommt er auf etwas hartes, und sieh, es steckt ein goldner Ring darin.

Hättest du dir doch alle Äpfel abgeschlagen, so hättest du heute genug verdient. Es ist wohl noch Zeit; gleich macht er sich noch einmal fort, ist auch bald wieder dort. Aber wer nicht dort ist, das ist der Apfelbaum mit seinen Äpfeln. Nimmst du dir ein Schulterstück wieder mit, so hast du doch etwas für deinen Weg. Er steckt den Ring an den Finger, bisher hat er ihn in der Hand gehabt und oft besehen und sich darüber gefreut. Nun steckt er ihn an; denn sonst wäre er ihm im Wege gewesen. Er ladet wieder auf und fort geht’s nach Haus.

Unterwegs begegnen ihm Leute, die laufen weg; er weiß aber nicht, warum. Wie er nach Zellerfeld kommt, laufen die Alten und die Jungen vor ihm weg; er weiß nicht, warum. So geht’s auch, als er auf den Hof kommt, und seine Kinder sind da, die laufen in’s Haus; er weiß aber noch nicht, warum. Zuletzt geht er in die Stube, wo seine Frau und seine Kinder sind, er frägt: Warim laft ihr denn vor mer wack? Da wollen sie auch alle wieder ausreißen. Er riegelt aber gleich die Thür zu. Da klärt sich’s auf. Sie hören ihn wohl, können ihn aber nicht sehen; das ist so schaurig gewesen.

Da fällt ihm der Ring ein, er zieht ihn ab und da sehen sie ihn in der Stube stehen. Nun erzählen ihm seine Kinder, da wäre ein Stück Holz durch den Thorweg gekommen, das hätte in der Luft geschwebt und Niemand hätte es getragen, auch wär’ es so in den Holzstall gegangen und hätte sich in die Ecke gestellt und darum wären sie vor Furcht herein gelaufen; da in der Stube hätten sie seine Stimme gehört und ihn nicht gesehen, da wären sie noch banger geworden. Jetzt weiß er Bescheid, der Ring macht ihn unsichtbar. Er probiert ihn nun erst ordentlich und richtig, es ist so, wer ihn anzieht, der ist gleich unsichtbar. Damit hat der Bergmann denn Manches belauscht und hat vieles gesehen, was andere nicht gesehen haben.

Als er aber todt gewesen ist, da ist auch der Ring weg gewesen.

(von August Ey)

HMG21 – Der Bielstein

Ein junger Bergbursche hatte sich bei Lautenthal verloren und konnte und konnte sich nicht wieder finden. Nach vielem Bergauf- und Bergabklettern kommt er dahin, wo der Bach herunter fließt, er wird die Laute genannt, da wo die hohen Felsen stehen. Immer weiß er noch nicht, wo er ist; es wird schon finster und die Vögel haben auch die Köpfe schon unter die Flügel gesteckt und fangen an zu schlafen. Da hörte er mit einem male eine Rabenstimme, die krächzte ganz gefährlich. Er wendet sich nun und sieht einen großen, großen Raben, der hat ein goldenes Halsband um, und auf dem Rücken ein allerliebstes Mädchen.

Das Mädchen steigt von dem Raben ab, der Bergbursche hin nach ihm, und das niedliche Kind kommt auf ihn zu und reicht ihm die Hand und spricht, er solle mit ihm gehen. Natürlich er thut es und geht mit. Es führt ihn an den Felsen, zieht ein Stöckchen aus dem Busen und klopft dreimal an den Stein, da thut sich der Felsen auf, und sie gehen mit einander hinein. Ach, sagte das Mädchen, mein Lieber, willst du mir einen Gefallen thun, und willst mich unglückliches Geschöpf erlösen? Ich bin von einer bösen Hexe verwünscht und kann nur alle hundert Jahre einmal drei Tage Mensch werden. Jetzt ist schon der zweite Tag vorbei, morgen ist der letzte, dann muß ich wieder hier in diesem dunklen Felsen sitzen und hundert Jahre warten, ehe ich wieder Mensch werde, wenn mich keiner bis morgen erlöst. Ja, sagte der Bergbursche, womit kann ich dich denn erlösen? Ach, spricht sie ganz traurig und betrübt, komm morgen mit drei weißen Rosen hierher, die Höhle wird offen sein, du mußt dich aber nicht fürchten, auch bei Leibe nicht sprechen. Dann machst du ein Feuer hier auf dieser Stelle an, das Holz mußt du mit herein bringen und wirfst die drei Rosen in’s Feuer, daß sie verbrennen, dann bin ich erlöst und du wirst recht reich und glücklich.

Der Bergbursche verspricht ihr, er will Alles thun. Nun stehen da große Truhen voll Gold und schöner Edelsteine. Hier, sagt sie, nimm dir einstweilen, so viel du willst, damit du siehst, ich meine es treu, und du bist gewiß auch treu und hältst Wort. Er schwört sogar, daß er Wort halten will, darauf steckt er sich die Taschen voll Gold und Edelsteine, dann bringt ihn das Mädchen auf den rechten Weg, daß er sich nach Haus finden kann. Er ist gar nicht weit von Lautenthal gewesen und weiß nun gleich Bescheid.

Des andern Morgens läuft er in ganz Lautenthal herum, und kann und kann erst keine einzige, vielweniger drei weiße Rosen kriegen; denn es ist Winter gewesen, wo man keine weißen Rosen hat. Endlich kriegt er doch noch seinen Willen und freut sich wie ein König, daß er noch drei weiße Rosen kriegt; es ist schon Dämmerung gewesen und die höchste Zeit. Nun läuft er gleich hin nach dem Felsen, jetzt nennt man’s den Bielstein, der ist offen. Er sucht sich erst einen Arm voll Äste; Stahl, Stein und Schwamm und Schwefelsticken hat er auch mit und geht in die Höhle. Es ist noch alles, wie gestern, nur das hübsche Mädchen ist nicht da.

Er legt nun das Holz zurecht und mach Feuer. Wie er aber den Schwefelstock anstecken will, so kommt ein furchtbarer großer Kerl und giebt ihm eine Ohrfeige, daß ihm die Gedanken vergehen, und er besinnungslos zur Erde fällt.

Wie lange er da gelegen hat, das weiß er nicht, endlich macht er sich auf und kriecht heraus und geht Heim. Von der Zeit an hat er nur alle Tage ein paar Worte sprechen können, sonst ist er stumm gewesen. Da hat er denn nach und nach die Geschichte erzählt. Zu arbeiten hat er nicht gebraucht, denn er hat von dem Geschenk doch genug zu leben gehabt. Alt ist er aber nicht geworden. Und von dem hübschen Mädchen hat keiner wieder was gehört und gesehen. Sitzt wahrscheinlich noch im Bielstein.

(von August Ey)

HMG20 – Der Zank im Grabe

Zwei Junggesellen kommen des Sonnabends Abends von der Freit. Es ist so gegen elf. Beide sind auch am Sonntag während der Predigt geboren, also Sonntagskinder, die Geister sehen und hören können. Einer hat das aber dem andern nicht gesagt und weiß es also keiner von dem andern.

Sie gehen mit einander über den Clausthaler Gottesacker, weil sie am Zellbach gewohnt haben. Zwischen dem Spittel und der Gottesackerkirche, wo der große Baum steht, hören sie Stimmen. Der eine stößt den andern an und spricht: Härschte dos, Carel? Freilich, sagt der andere, do zanken sich ä paar im Grob im fünf Mateer. Horch, sie schalten sich ju ah! sagte der eine und der andere spricht: dos sollte mer doch kaum gläm, daß se ah im Grob noch net ämol Fried hahn könne.

Su giehts, sagt der andere, dar äne hat dam annern im fünf Matteer betruhng. Nu muß har sich ah im Grob noch än Betrieger schalten loßen. Ja, ja, mein Vater sahte immer: ‚Ein gut Gewissen, ist ein gutes Ruhekissen.’ In solchem Gespräch kamen sie vor ihrem Haus an und sagten einander gute Nacht.

Ob die sich im Grabe vielleicht noch geschlagen haben, oder was noch daraus geworden, wer weiß es?

(von August Ey)

HMG19 – Die Ratskatze von Sankt Andreasberg

Vor 500 Jahren erschien über dem Neufang ein Komet, welcher nach dem Aberglauben der Leute etwas zu bedeuten haben musste. Als der Komet zum ersten mal hoch am Himmel gesichtet wurde, kam von Lauterberg eine ausgehungerte Katze herauf und setzte sich auf die Stufen vor dem Rathaus. Zu dieser Zeit herrschte eine große Mäuseplage in Sankt Andreasberg, welcher die wenigen Katzen in der Bergstadt nicht Herr werden konnten. Daher ließ man die Katze hinein, welche sich sogleich über die Mäuse her machte, bis das Rathaus frei von dem Ungeziefer war.

Einige Tage später brachte die Katze Junge zur Welt – eines für jedes Fenster – und bald darauf sah man in jedem der Rathausfenster eine Katze sitzen. Die Leute erzählen sich, die Katze sei sehr alt geworden – 20 Jahre, 20 Wochen und 20 Tage alt – und von dieser Ratskatze und Ihren Jungen stammen alle heutigen Katzen in Sankt Andreasberg ab.

Zum Gedenken an den Kometen und die darauf folgenden Ereignisse wird in Sankt Andreasberg seit dem das Fleisch vor der Suppe verzehrt.

Quellen

  • Die St. Andreasberger Katze aus Sagen und Geschichten um die Bergstadt St. Andreasberg, Gesammelt von Walter Bleßmann
  • Der Komet und St. Andreasberg

HMG18 – Der Zwergenkrieg

Ein Bergmann war nach Lautenthal gewesen. Als er an die Berge kam, da wo die Lautenthäler Teiche liegen, hörte er einen Tumult, ein Schreien und Wehklagen, ein Rufen und Toben, als wenn kleine Jungen was vorhaben mit einander. Er geht näher und sieht, daß der Teich weg und eine große Wiese da ist, auf der zwei Heere Zwerge Krieg führen. Große Schaaren kämpfen mit einander mit Säbeln und Dolchen, andere Schaaren rücken im Sturmschritt auf einander los und hauen mit ihren kleinen Schwertern wüthend auf einander ein, daß haufenweis die Todten und Verwundeten umherliegen und jammern und klagen.

Es ist ein Ringen und Fechten, daß es bei Großen nicht gut schlimmer sein kann. Dabei ein Trompeten und Trommeln, als wie’s die kleinen Jungen wohl machen auf ihren kleinen Trompeten und Trommeln, und das ging Alles wild durch einander. Schießen konnten sie aber nicht, denn das Pulver und die Gewehre waren noch nicht erfunden. Dafür stachen und hauten sie sich aber ohne alle Gnade nieder. Keiner gab und nahm Pardon. Als der Bergmann so zusah und sich über den Muth der Kleinen wunderte, kamen zwei Zwerge auf einem freien Platz zusammen, die hatten schöne Röcke an und starrten von Gold und Silber, auch hatten sie kleine Kronen auf dem Kopf und kleine funkelnde Sterne auf der Brust.

Der eine war ein bischen größer, als der andere und auch stärker; deswegen warf er bald den kleinen auf den Boden. Da aber sprang der Bergmann zu und gab dem größeren mit seinem zackigen Stock einen über den Kopf, daß der auch zu Boden stürzte und bald, nachdem er noch ein Weilchen gezappelt hatte, todtgieng. Nun kamen die andern Zwerge, die dazu gehörten und wollten dem Bergmann zu Leibe, weil er ihren König todt geschlagen hatte. Der Bergmann mähte aber dermaßen dazwischen, daß es eins, zwei, drei gieng, da waren sie in den Wald gejagt, nur das eine Heer stand da noch, dessen König von dem Bergmann errettet war. Da kamen sie alle um ihn herum und küßten ihm Hände und Füße, ja sie wußten gar nicht, wie sie ihm dankbar genug sein sollten. Der kleine König aber trat vor und befahl, die andern sollten einmal zurücktreten, er wolle seinem Erretter danken und etwas sagen. Ehrfurchtsvoll trat Alles zurück, und der kleine König kam und dankte mit hübsch gesetzten Worten; ja, sagte er, hier könne er nicht genug danken, er möchte doch so gut sein und mitgehen nach seinem Palast, dann wolle er ihn erst königlich belohnen.

Der Bergmann ging mit, und sie kamen mit einander vor eine Höhle, da gieng’s hinein; dann in einem langen Gang fort und zuletzt in einen schönen Saal hinein. In dem Saal standen lange Tafeln, darauf standen Teller und Leuchter und Schüsseln von purem, reinen blanken Silber, die Wände glänzten von Spiegeln und Edelsteinen, und es war eine Helligkeit und eine Pracht, wie’s nur in einem Königssaal sein kann. Da kamen denn auch die vornehmen Herren, die zu dem Zwergekönig gehörten, alle mit Gold- und Silbertressen an den Röcken, und der Bergmann hatte seine Sonntagshose und Kittel an, und seinen Schachthut auf, wie man’s damals trug. Aber trotzdem mußte er sich oben an setzen neben den König, und einer rühmte den Bergmann noch mehr, als der andere, der König aber am meisten. Es wurde gegessen und getrunken, und der Bergmann sprach dem Braten und dem Wein tüchtig zu, so daß zehn königliche Diener für den allein immer auftragen mußten. Es fehlte aber an nichts, man wurde auch fröhlich und guter Laune; das gefiel dem Bergmann erst recht und er sagte, das wär’, wie auf einer Hochzeit. Auch ließen die Zwerge ihn hochleben und er den König und sein ganzes Volk. Kurz sie wurden alle fröhlich und vergnügt. Am Ende stand man vom Tisch auf, und er wollte nun nach Haus. Noch nicht, sagte der König, erst muß ich dir was zeigen, auch muß ich dich erst belohnen. Komm mal her. Und der gieng mit ihm in seine Silberkammer. Da hätte denn einer den Reichthum sehen sollen! Nein, so viel Gold und Silber kann kaum auf der ganzen Welt sein. Nun sagte der König, nimm was und wie viel du magst, und wenn du Alles mitnimmst, je mehr du nimmst, desto mehr freue ich mich. Der Bergmann ließ sich nicht zweimal nöthigen. Er steckte sich seine Taschen so voll, daß sie bald abrissen. Da geben ihm die Zwerge auch noch die Krone und das Scepter von dem König, der besiegt war und todt.

Als nun der Bergmann Abschied nahm, da weinte das ganze kleine Völkchen und mit Thränen baten sie ihn, er möchte doch bald einmal wieder kommen. Es wurde ihm ordentlich wehmüthig zu Sinn, als er die kleinen, guten Leute verlassen sollte, noch saurer wurde es ihm aber, den Lautenthäler Berg mit der Last hinaufzusteigen. Froh und vergnügt kam er nach Hause, machte das Silber zu Geld und verkaufte die Krone und das Scepter an den Herzog von Braunschweig und wenn ihm etwas fehlte, so suchte er seine kleinen Freunde auf, die halfen ihm jedesmal. Er hat aber keinem Menschen das Loch gesagt, worin der Zwergkönig wohnte; das mochten sie ihm wohl verboten haben. Seine Familie aber ist noch vor 30 Jahren recht wohlhabend gewesen, nachdem er schon lange todt war.

(von August Ey)

HMG17 – Der Grasmäher ein Hund

Vor langen Jahren mähten ein paar Bergleute Gras mit einander. Oft hatte der eine des andern Appetit bewundert und gesagt: Wo du das viele Essen lä’t, kann ich nicht begreifen. Wie nun Vesperzeit war, legten sie ihre Sensen hin, und der Vielfraß sagte zum andern: Bleib hier, ich will einmal ins Holz. Sie waren nicht weit vom Schindanger. Er ging. Der andere ahnte nichts Gutes und schlich sich deshalb unbemerkt dahinter her.

Bald darauf sah er zu seiner Verwunderung, daß der erste bei einem ausgeschleppten und abgedeckten Pferde stand, einen Riemen aus der Tasche zog, diesen umband und gleich darauf in einen großen schwarzen Hund verwandelt wurde. Vergierig stürzte sich dieses Geschöpf auf das Aas, fing heißhungrig an zu fressen, bis die halbe Pferdekeule verzehrt war. Dann that er, als wenn er sich einige Haare aus der Seite rupfte und war in dem Augenblick der frühere Mensch wieder.

Alsdann kam er langsam zurück und begegnete jetzt seinem Kameraden, der noch stumm und starr da stand. Der aber sagte: Jetzt habe ich gesehen, woher es kommt, daß du soviel beischlagen kannst. Du hast einen Hundemagen; ich habe Alles gesehen, was du gemacht hast und – indem er noch weiter sprechen wollte, war sein Kamerad verschwunden und Niemand hat je wieder davon etwas gesehen und gehört.

(von August Ey)